3:2 für Neukölln
Angesichts des ganzen Geredes vom Kampf der Kulturen bin ich froh, dass Sport manchmal tatsächlich verbindet. Wenigstens gestern in der Donaustraße. Anders als sonst bei den EM-Spielen war das Valentinstüberl völlig überfüllt. Der Inhaber der türkischen Kneipe direkt nebenan war dann so nett, die Unglücklichen, die keinen Platz gefunden hatten, zu sich einzuladen.
Auf der Leinwand im Hinterzimmer lief das Spiel auf deutsch, vorne auf dem Fernseher gab es Fußball auf türkisch, was aber nicht weiter auffiel. Vom Zulauf offenbar überrascht, musste die Bedienung erstmal ein paar Bierkisten aus dem Keller holen, um den Kühlschrank neu zu füllen. Nach den Flaggen an den Wänden zu urteilen: eine echte Fankneipe und darin den üblichen Neuköllner Eckkneipen sehr ähnlich. Auch das Rauchverbot wurde ähnlich ernst genommen.
Bis zum 1:1 gab es sogar noch Sitzplätze. Aber dann brach die ZDF-Leitung zusammen. Das türkische Fernsehen allerdings hatte noch ein Bild. Nach kurzem Zögern fiel das halbe Valentinstüberl in den türkischen Laden ein. Stammgäste, Touristen und Studentenvolk tummelten sich auf 50 Quadratmetern. Und dann dieser Krimi. Was für ein Spaß! Im Stadion kann’s nicht besser gewesen sein.
Die Beteiligten werden diesen Tag wahrscheinlich nie vergessen. Und die Gastgeber werden wahrscheinlich nie verstehen, warum ihre Gäste nach dem 3:2 nicht ebenso ausgeflippt sind wie sie selbst nach dem 2:2. Alle Vorurteile über unterkühlte technokratische Deutsche erfolgreich bestätigt? Dabei haben wir bloß geahnt, was dann tatsächlich auf uns zukam: Deutschlandbesoffenheit.

