Da bist Du platt

Vom Ostindienhandel bis zum Heringsfang – Hollands Vergangenheit ist von der See geprägt. Segelbegeisterte Besucher können der Landesgeschichte an Bord eines Plattbodenschiffs folgen.

Den letzten Zug aus Amsterdam gerade noch erwischt – pechschwarze Nacht liegt über dem Stadthafen von Enkhuizen. Gleich, wenn man hinter dem Bahnsteig um die Ecke biegt, beginnt der Mastenwald. Ab und zu knarrt hier und da ein Festmacher, ansonsten herrscht Stille. Von dem Orkan, der nur ein paar Stunden zuvor über das Ruhrgebiet gefegt war und der unsere Verspätung verursacht hat, ist hier nichts mehr zu spüren.

Hinter dem Schutzdeich stehen holländische Bürgerhäuschen aus Backstein, eine weiße Hubbrücke ist zu sehen. Fast erwartet man, das Bollern von Holzschuhen auf dem Kopfsteinpflaster zu hören, aber kein Mensch ist mehr unterwegs. Wie denn jetzt das Schiff finden? „De Vriendschap“ – Freundschaft – heißt der Zweimastklipper. Nach einer Weile tauchen ein großes V und ein großes R, dann ein I ganz weit draußen im Päckchen an der Bordwand auf. Das muss es sein! Seesack an Bord und noch ein Bier in der Plicht getrunken – morgen geht es los.

All Hands!

Gegen Mittag verlassen wir den Hafen und laufen durch die Krabbergatsluizen ins Markermeer, den Südteil des IJsselmeers, aus. All hands on deck, die riesigen Gaffelsegel zu setzen. Winschen? Fehlanzeige! Und das, obwohl „De Vriendschap“ noch 1983 als Frachtsegler auf dem IJsselmeer unterwegs war. Wirklich lebendige Tradition. Die 315 Quadratmeter machen das 28 Meter lange Schiff zu einem relativ schnellen Segler. Relativ, wohlgemerkt. Das bemerken die Gäste, wenn er dicht unter Land segelt. Skipper Sjef: „Auch unter vollen Segeln kann die Oma auf dem Deich mit dem Fahrrad noch locker mithalten!“

Aber es geht nicht um Geschwindigkeit auf den Schiffen der „Bruine Vlot“ – der Braunen Flotte, wie die Plattbodenschiffe hier überall genannt werden. Es geht darum, meint Sjef, „so viel wie möglich zu segeln und nur in den Häfen zu motoren“. Es geht auch um die Seemannschaft, die groß geschrieben werden musste damals, als das IJsselmeer noch Zuiderzee hieß und zur Nordsee hin offen war. Tidenströme und Sandbänke waren tägliche Hindernisse, die Angst vor einer Sturmflut ein unangenehmer Begleiter – für die Männer auf See wie für die Familien an der Küste. Diese Tradition der Seemannschaft wollen die Skipper und Maate rund um das IJsselmeer bewahren.

Ostindien

Am Nachmittag machen wir in dem alten Handelsstädtchen Hoorn direkt unterhalb des charakteristischen Haupttors fest. Auch hier ist die holländische Geschichte gegenwärtig. In der Stadt finden wir immer wieder Häuser mit dem VOC im Giebel, der Abkürzung der Vereinigten Ostindischen Gesellschaft. In der VOC schlossen sich unter dem Konkurrenzdruck im Gewürzhandel sieben Städte zusammen, die so für die Blüte Hollands sorgten. Heute haben sich die Städte rund ums IJsselmeer im Tourismusverband „Der goldene Zirkel“ vereinigt, um den Gästen ihre Reize näher zu bringen.

Gleich neben dem Haupttor sitzen die drei „Schiffsjungen von Bontekoe“ als Bronzeplastiken auf der Hafenmauer und zeugen von einem historischen Unglück der VOC: Der Reeder Willem Bontekoe verlor 1619 zwei seiner Schiffe auf dem Weg zu den Gewürzinseln. Die Offiziere der „Nieuw Hoorn“ hatten den kurzsichtigen Schiffsjungen Rolf beauftragt, die tägliche Branntweinration aus dem Fass zu holen. Beim Schöpfen leuchtete ihm eine Kerze, von deren Docht ein Teil in den Schnaps fiel. Sofort fing dieser an zu brennen. Rolf ließ den Eimer fallen, und schnell breitete sich der brennende Alkohol in der Bilge aus. Matrosen begannen, das gebunkerte Schießpulver über Bord zu werfen, aber das Feuer war schneller: Die „Nieuw Hoorn“ explodierte. Kurz darauf ging ein zweites Schiff in einem Orkan unter, und die „Nieuw Holland“ musste allein zurückkehren.

Trotz Katastrophen wie dieser war die Geschichte der VOC eine Geschichte von Reichtum und Wohlstand für die Bürgerstädtchen am Rande des IJsselmeeres, wie das Westfriesische Museum in Hoorn bezeugt. Schulklassen und Jugendgruppen von anderen Plattbodenschiffen, die inzwischen eingelaufen sind, sorgen dafür, dass Kneipen und Cafés heutzutage florieren wie einst der Gewürzhandel. Doch im Hafen vor dem Haupttor ist es ruhig genug, um seinen Gedanken nachhängen zu können.

Vaart houden!

Früh am nächsten Morgen setzen wir Kurs auf Edam. Die Stadt liegt etwas landeinwärts an einem kleinen Kanal, in dessen Schleusen die fast sechs Meter breite „De Vriendschap“ kaum zu passen scheint. Hier steigen wir aufs Fahrrad um – eine Käserei in der Nähe besuchen. Endlich wissen wir, was den Edamer zum Edamer macht: Für seine Herstellung wird nur entrahmte Milch verwendet. Wir verlassen das Anwesen mit einem duftenden Käse und dem kulinarischen Hinweis: „Dünne Scheiben schmecken besser!“

In Volendam, nicht weit entfernt, warten Sjef und das Schiff auf uns. Der Wind weht, die dunklen Wolken haben sich verzogen, und wir wollen die letzten Stunden des Tages noch zum Segeln nutzen. Rasch sind die Segel gesetzt – inzwischen weiß jeder, was er zu tun hat. Der Wind kommt aus Südwest: Der Kurs nach Amsterdam wäre hoch am Wind. Das machen Plattbodenschiffe nicht mit. Mehr als 60 Grad sind nicht drin, wenn wir vorankommen wollen. Ohne Welle sind auch mal 50 Grad möglich, aber das nur im Schneckentempo. Für uns gilt die alte Faustregel: Vaart houden, nit knijpen! – Fahrt machen, nicht kneifen –, die schon die alten Zuiderzee-Schipper sicher durch die Watten gebracht hat.

Deswegen wäre in Höhe der Festungsinsel Pampus der Holeschlag dran, aber wir müssen aus Zeitgründen die Segel streichen. Durch die Oranjesluizen motort „De Vriendschap“ nach Amsterdam. Der Liegeplatz für Traditionsschiffe könnte kaum besser sein: Wir machen direkt unterhalb des Hauptbahnhofs fest, nur der Zebrastreifen trennt uns vom Bahnsteig. Am nächsten Morgen fliegt der Seesack auf den Kai, und die Gegenwart hat uns wieder.

Die Zuiderzee lebt!

Nur ein paar hundert Meter Luftlinie von den modernen Krabbergatsluizen entfernt scheint die Zeit für Jahrzehnte stehen geblieben zu sein. Im Zuiderzee-Museum von Enkhuizen reichen ein paar Stunden, um sich in das entbehrungsreiche Leben einer Fischerfamilie vor der Eindeichung des IJsselmeeres 1932 zurückversetzen zu lassen. Dichter weißer Rauch steigt durch den feuchten Lappen aus dem Räucherofen – einer alten, rostigen Tonne. Es riecht nach schwelendem frischem Holz. „Buchenholzscheite“, sagt der Fischräucherer. Schmutzige braune Holzschuhe, schwarze Baumwollhose, blaues Hemd mit weißen Streifen – so hätte er auch vor hundert Jahren aussehen können, einem Städter sein Handwerk erklärend. Auf einem Holzbrett in der angrenzenden Hütte liegen goldgelbe, noch warme Bücklinge. Frischer Fisch für ein paar Gulden. Und es lohnt sich!

Unter freiem Himmel verarbeitet der Segelmacher seine Tuchbahnen. Die fertigen Ungetüme werden in großen Bottichen mit Tannin braun gefärbt, das macht die Segel haltbar gegen Salzwasser und Sonnenlicht. Sind keine Segel zu bearbeiten, können die Fischer ihre Reusen in den stinkenden braunen Sud hängen. Ein paar Meter weiter stehen wir auf der Reeperbahn, parallel zur Gracht. Auf dem Kopfsteinpflaster hat der Reepschläger seine Böcke aufgebaut und verkauft nagelneue geschlagene Springseile an eine holländische Schulklasse, die zu Besuch im Museum ist. Die Skipper holen die Fallen inzwischen anderswo, auch die Festmacher für ihre Plattbodenschiffe kommen aus der Fabrik.

Erschienen in segeln 10/2000.


 
 
 

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