Dory, Dory, Hallelujah
Was in den USA längst gang und gäbe ist, steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen: Bootsbauseminare für Laien. Eine kleine Werft in Hamburg-Harburg hat sich daran gewagt, einem zusammengewürfelten Haufen von Seglern ihre Kniffe beizubringen.
Grüne Mappen liegen auf dem Holztisch in der Frühstücksbude, in der Gorch von Blomberg, Chef von Ecoboot, seine Gäste begrüßt. Im Hintergrund blubbert eine Kaffeemaschine. Grundlagen der Holzverarbeitung heißt ein Kapitel, in einem anderen werden Werkzeuge vorgestellt: Hirnholzhobel, Ziehklinge, Schleifbock. Um den Tisch sitzen vier Männer, die hoffen, dass ihnen diese Dinge nach zehn Tagen weniger fremd sein werden.
Unterschiedlicher könnten sie kaum sein: Nord- und Süddeutschland, Jung und nicht ganz so Jung, Handwerker und Büroarbeiter stehen sich gegenüber, verbunden allerdings durch die Leidenschaft für Boote und Bootsbau.
Horst fühlt sich in der Werft noch am wohlsten, er steht jeden Tag in Paderborn in der Theaterwerkstatt, wo er Kulissen baut. Schon jenseits der Fünfzig angekommen, träumt der leidenschaftliche Angler davon, sich einmal auf eigenem, selbst gelegtem Kiel auf den Weg Richtung Süden zu machen.
Erfahrungen
Auch Ralph kennt Werkstätten von innen: Sein Vater betreibt am burgenländischen Neusiedler See einen Bootsservice. Für den jungen Österreicher ist das Seminar eher Fortbildung als Arbeit. Holz bietet ihm eine willkommene Abwechslung zu den vielen Kunststoffarbeiten, die er zu Hause erledigt.
Manfred aus Stuttgart hat schon Erfahrung im Selbstbau vorzuweisen. Er ist stolzer Besitzer eines selbst restaurierten nordischen Folkeboots aus Holz. „Eigentlich hab’ ich alles schon mal gemacht“, behauptet er von sich, „aber bestimmt noch nichts richtig.“ Dass das nicht ganz stimmen kann, beweisen die Fotos, die er in der Frühstücksbude herumgehen lässt: Das Folke ist ein Schmuckstück.
Der letzte in der Runde, der sich vorstellt, ist Peter, der dem Seminar das nötige Lokalkolorit verleiht. Er wohnt „hinterm Deich“, wie er sagt, ein kleines Stück elbabwärts. Das Segeln ist ihm in die Wiege gelegt worden. Sein Großvater war Kapitän auf der Salpeterroute Hamburg-Chile und zurück und hat dort die letzten Tage der Großsegler miterlebt. Stilecht, auf einem alten Beiboot, lernte Peter den Umgang mit Pinne und Schot vom alten Salzbuckel.
Über das Boot, das in der Werfthalle leicht eingestaubt unter der Decke hängt, hätte er sich bestimmt anerkennend geäußert. Es ist ein weiß lackiertes Dory, ein Boot, wie es früher Fischer vor den Küsten Neufundlands benutzt haben. Es ist unser Prototyp und das Gesellenstück von Simone Geng, die das Seminar leitet.
Leidenschaft
Die Idee, leidenschaftlichen Seglern auch die Leidenschaft am Handwerk zu vermitteln, spukt schon lange in Team von Ecoboot herum. Es ist aber nicht einfach, einen Bootstypen zu finden, der sich für ein solches Seminar eignet, erklärt Gorch. Schließlich muss es ja schnell fertig werden. Einfache Bauweise ist gefragt. Das passt nahtlos in das ganze Konzept seiner Ecoboot-Werft, einem kleinen Betrieb mit knapp zehn Gesellen und Lehrlingen.
„Umweltorientierter Bootsbau“ ist auf dem Transparent außen an der Halle zu lesen. Darunter versteht er nicht nur, entsprechende Auflagen einzuhalten und seine Mitarbeiter vor den im Bootsbau häufigen giftigen Werkstoffen zu schützen. „Niemand in Deutschland kümmert sich um kleine Boote!“ meint Gorch. Und so waren die ersten Boote, die die Firma in kleiner Serie verließen, extreme Leichtbauten: Ein Kanu aus Leinwand, mit Spannlack überzogen, und ein Punt, ein langes Plattbodendingi. Die Idee stieß auf Interesse: Neben den Reparaturen und klassischen Restaurierungen, die hier erledigt werden, verließen immer auch kleine Neubauten die Werft – unter oft spöttischen Kommentaren der Innungskollegen.
Das Dory, das Horst, Ralph, Manfred und Peter bauen, passt gut in die Familie von kleinen Booten. Es könnte das erste Eco-Segelboot sein, wenn es später jemand mit Mast und Schwertkasten versieht.
Anleitung
Doch noch befindet sich in ihrer Mitte nur ein gähnendes Nichts. Nur die Helling aus Spanplatten, so nennt der Bootsbauer das Gerüst, auf dem er Boote baut, ist vorhanden. Und darauf sollen vier Laien in zehn Tagen ein 4,90 Meter langes Holzboot entstehen lassen? Unter fachkundiger Anleitung von Simone, immerhin, aber ein richtiges Boot hat noch keiner von ihnen gebaut.
In der Halle riecht es nach Werft, nach frischen Holzspänen, manchmal kreischt eine Flex, Schleifmaschinen summen. Mittendrin beginnt Simone damit, die Bleistiftlinien auf den Spanplatten zu erklären. Wenig später stellen Ralph und Peter die Mallen, die als provisorische Spanten dem Bootsrumpf die richtige Form geben. Zur gleichen Zeit arbeiten Manfred und Horst an den zwei Spanten, dem Innensteven und dem Spiegel, den einzigen Bauteilen, die im Boot verbleiben, um dem Rumpf die nötige Festigkeit zu geben. Die Mittagspause führt zu ersten kulturellen Reibungen. ,,Die Currywurst war ja gut“, berichtet Manfred vom Imbiss um die Ecke, „aber ich kann nicht verstehen, warum die Hamburger Mayonnaise im Kartoffelsalat haben!“
Am nächsten Tag wird es ernst: Die Kielplanke, der erste große Teil der Außenhaut, wird ausgestrakt – angepasst, würde der Normalbürger sagen, aber das ist nicht ganz dasselbe. Und die Professionalität zu erlernen, ist schließlich ein Ziel des Seminars. Die Planke passt wie angegossen auf Steven und Spiegel. Mit stolz geschwellter Brust geht es in den Feierabend – der Leim muss trocknen, bevor es hier weitergehen kann.
Aufplanken
Vom nächsten Tag an geht es Schlag auf Schlag: Mit Hilfe von Schablonen legen Simone und ihre Helfer die Form der Planken fest – jeweils für die Backbord- und die Steuerbordseite. „Ein Boot ist immer nur theoretisch symmetrisch“, sagt Simone. Schon kleine Abweichungen können zu offenen Nähten führen.
Planke um Planke wächst das Boot und das Selbstvertrauen der Neu-Bootsbauer. Nach sieben Tagen Seminar ist es soweit: Der Rumpf ist fertig. Auf Kommando dreht der Bautrupp es um. Keine Komplikationen. Noch zwei Tage Zeit. Um das Seminarziel, einen fertigen Rumpf zu bauen, zu erreichen, fehlen noch die Ducht, der Dollbaum und die Scheuerleiste. Drängt die Zeit? Geputzt werden muss auch noch. Aber die erste Woche hat schon viel Sicherheit gebracht. Peter, der anfangs seinen Hirnholzhobel noch misstrauisch beäugte und zögerlich in die Hand nahm, peilt jetzt mit Kennerblick die Sohle entlang, stellt das Eisen ein und lässt die Späne fliegen.
Schließlich ist es, planmäßig, am Sonntag soweit: Ein sauberes, schwimmfähiges Dory verlässt die Halle. Gorch überwindet sich sogar zu einer kurzen Probefahrt und lässt das Boot mit vielen helfenden Händen zu Wasser. Das Boot ist nicht nur fertig – es schwimmt auch! Während das Dory trocknet, verabschiedet Horst eine stolze Truppe angelernter Bootsbauer und eine zufriedene Werftcrew mit einer leckeren Fischsuppe. Bis er von seinem eigenen Boot aus angeln kann, wird es noch etwas dauern. Aber die ersten Schritte sind getan.
Dories – Lastesel der Atlantikküste
Einfachheit. Mit diesem Wort lässt sich am besten zusammenfassen, was ein Dory auszeichnet. Im 18. und 19. Jahrhundert waren die Dorschfischer vor Neufundland auf großen Seglern unterwegs, oft tagelang von der Küste entfernt. Für die Arbeit mit den Netzen brauchten sie kleine, wendige Beiboote.
An Deck durften sie nicht viel Platz wegnehmen. Man kam also auf die Idee, die Beiboote ineinander zu stapeln. Aus dieser Notwendigkeit heraus wurde das Dory entwickelt. Es geht zwar auf andere Bootsformen zurück, besitzt aber neue, einzigartige Details. Erst mit der industriellen Revolution und der Möglichkeit, breite Planken aus den Stämmen zu sägen, anstatt sie zu spalten, konnten diese umgesetzt werden.
In seinem „Dory Book“ schreibt John Gardener, was ein Dory auszeichnet: „Es hat einen Plattboden, zwei oder drei Seitenplanken und keine Kielstruktur außer der Bodenplanke.“ Die Duchten sind herausnehmbar, um die Boote stapeln zu können. Die Multi-Knickspant-Bauweise erlaubte es, die Boote schnell und billig zu bauen. Die Boote waren seegängig und wurden oft zu Segeldories umgerüstet – mit Schwertkasten, aber nicht mehr stapelbar. Das Dory war seiner Zeit weit voraus. Heute finden Segler sein Erbe in vielen Booten wieder: In kleinen, schnellen Skiffs oder auch in den Waarship-Konstruktionen.
Erschienen in segeln 1/2001.

