Musik ohne Grenzen
Manu Chao ist der Popstar der Globalisierungskritik. Auf seinem neuen Album wirft der spanischstämmige Franzose Musikstile aus aller Welt durcheinander.
Er sprengt die Ordnung der CD-Regale. Er spielt Reggae und Ska ebenso wie Punk und wirft mit Samples um sich wie ein Hiphopper. Er singt in Spanisch, Französisch, Englisch, manchmal auch Arabisch und anderen Sprachen – oft in einem einzigen Song. Manu Chao entwickelt mit seinem dritten Album den schillernden Sound der Vorgänger „Clandestino“ und „Próxima Estación: Esperanza“ weiter.
„La Radiolina“ ist Manu Chaos erstes weltweit erscheinendes Album seit sechs Jahren – und das Warten hat sich gelohnt. Anstatt seine Einflüsse nur zu kopieren, verschmilzt der 46-Jährige sie mit Anleihen bei spanischen und lateinamerikanischen Klängen zu einer eigenen funkigen Musik. Auf „La Radiolina“ geriet die Mischung eine Spur rockiger als auf den beiden Vorläufern. Aber wieder gelingt Manu Chao das seltene Kunststück, energiegeladen und leicht zugleich zu klingen.
Manu Chao nahm diesen Sound bereits in den achtziger Jahren mit seiner Band Mano Negra vorweg. Der Sohn spanischer Eltern, die vor dem faschistischen Franco-Regime nach Paris geflüchtet waren, gründete die Band zusammen mit seinem Bruder und einem Cousin. Mano Negra verquirlte Punk, Ska und Rap und verbuchte ein paar landesweite Hits, wurde aber vor allem wegen ihrer mitreißenden Live-Shows berühmt.
Unterwegs mit Gitarre und Rekorder
Nachdem die Band sich 1995 auflöste, zog Manu Chao mit einer Gitarre und einem Aufnahmegerät ein paar Jahre durch Lateinamerika. Aus dem Material entstand das 1999er-Album „Clandestino“, von dem der Hit „Bongo Bong“ stammt. Zwei Jahre später folgte „Próxima Estación: Esperanza“ mit „Mr. Bobby“. In einem großen Teil seiner Texte verarbeitet Manu Chao eigene und beobachtete Erfahrungen von Migration oder sozialer Ungerechtigkeit. Menschliche Begegnungen, Liebe und Freundschaften nehmen einen ebenso großen Platz ein.
Auf „La Radiolina“ finden sich beispielsweise mit „Me Llaman Calle“ der Titelsong aus Fernando León de Aranoas großartigem Prostituiertendrama „Princesas“ und mit „Rainin in Paradize“ eine Anklage der Kriege im Nahen Osten und in Afrika. Manu Chao stellte „Rainin in Paradize“ vorab zum Download ins Internet, wo es innerhalb von zwei Wochen 250 000-mal abgerufen wurde.
Über Grenzen hinweg
Der Musiker zitiert sich immer wieder selbst. So hat er Elemente von „Clandestino“ schon auf „Próxima Estación: Esperanza“ wieder aufgegriffen und verarbeitet nun mit „Politik Kills“ ein Thema aus „Mr. Bobby“ weiter. Dabei bleibt es aber nicht beim bloßen Sample, sondern die Idee wird neu geformt und der künstlerische Prozess transparent.
Manu Chao spielt nicht nur den Soundtrack der Globalisierungskritik, wie oft geschrieben wird, sondern seine Musik verkörpert selbst eine Art der Globalisierung. Eine der gängigsten Polemiken gegen Globalisierungskritik besteht in der Unterstellung, sie wolle die Globalisierung anhalten und Grenzen wieder errichten. Manu Chaos Musik dagegen versinnbildlicht, dass eine Kritik an der Globalisierung und eine grenzenlose Verschmelzung von kreativem Potenzial sehr gut zusammenpassen können.
Erschienen auf Focus Online am 22.8.2007, 14:33 Uhr.
http://www.focus.de/kultur/musik/plattenkiste/manu-chao_aid_70158.html

