Winschen warten
Winschen sind die Kraftwerke des Bootes. Auf großen Yachten geht nichts ohne sie. Aber sie gehören wahrscheinlich zu den am meisten vernachlässigten Teilen an Bord.
Warum vernachlässigt der Segler seine Winschen? Nicht, weil er nicht wüsste, wie wichtig sie sind. Sondern deshalb, weil die Vorstellung verbreitet ist, dass die Winschen keine Pflege brauchen, solange sie keine kaffeemühlenartigen Geräusche von sich geben.
Dabei gehört die korrekte Wartung der Winsch zur Segelyacht wie die Wartung der Gangschaltung zum Fahrrad. Wer sie vernachlässigt, macht sich das Leben unnötig schwer. Wer sie ganz vergisst, sorgt im schlimmsten Fall dafür, dass die Mechanik versagt und die Segel nicht mehr unter Kontrolle zu bringen sind.
Die Zeit für einen Blick ins Innenleben sollte man sich jeden Winter nehmen. Demontieren sollte man eine Winsch bei durchschnittlicher Belastung durch den Freizeitskipper in etwa jedes zweite Jahr – bei hoher Belastung dementsprechend öfter. Es ist durchaus sinnvoll, dabei Herstellerhilfe in Anspruch zu nehmen.
Anleitungen
Bei allen deutschen Importeuren der verschiedenen Hersteller kann man sich mit Material versorgen. Wer sich die Wartungsanleitung nicht ohnehin beim Kauf hat mitgeben lassen, kann dort auf umfangreiche Archive zurückgreifen. In diesen Anleitungen sind die spezifischen Eigenschaften der Winsch dargestellt, so dass man nicht vor ungelösten Rätseln steht oder sich unnötige Arbeit macht.
Dafür ist die Tabelle gedacht, in der die Importeure bzw. Hersteller abgedruckt sind, Falls es keine passende Explosionszeichnung gibt, ist es hilfreich, nur eine Winsch zur Zeit zu bearbeiten und eine andere als Vorlage zu nehmen.
Schritt für Schritt
Wie immer bei solchen Vorgängen ist darauf zu achten, dass man das richtige Werkzeug verwendet. In diesem Fall einige Schraubenzieher zum Abhebeln der Sprengringe und der Lager. Um die Bolzen durchzuschlagen, braucht man einen Kunststoffhammer und einen Messingdorn, der etwas dünner ist als der Bolzen. Die Einzelteile müssen sicher und in der richtigen Reihenfolge so abgelegt werden, dass sie nicht über Bord gehen können.
Der erste Schritt ist die Demontage der Trommel. Dazu muss in den meisten Fällen ein Sprengring gelöst werden, der die Deckplatte festhält. Jetzt kann die Trommel abgehoben werden. Dann werden die Walzenlager und Gleitringe vom Fuß abgezogen.
Meistens erkennt man schon jetzt, warum die regelmäßig Wartung nötig ist: Das alte Schmiermittel ist total verharzt, die Walzen drehen sich nicht mehr alle und falls doch, dann bestimmt nicht leicht.
Petroleum hilft
Dieses Bild wird uns noch öfter begegnen. Altes Fett und verharztes Öl entfernt man am besten mit Hilfe von Petroleum oder Diesel und einem Pinsel. Im Notfall tut es auch eine ausrangierte Zahnbürste. Man stellt sich ein paar Lappen und eine Schale mit Petroleum in Reichweite, in der man die ganzen Teile baden kann.
Der nächste Arbeitsgang ist die Demontage der Zahnräder und der Welle. Jetzt kommt es auf den Typ an. Moderne Winschen sind so ausgelegt, dass man sie nicht nur komplett ohne Werkzeug auseinander nehmen kann. sondern auch, ohne den Fuß abzubauen.
Ältere Baujahre erfordern allerdings meistens die Demontage desselben. Die Bolzen, auf denen die Zahnräder gelagert sind, müssen z.B. oft nach unten ausgeschlagen werden. Oder aber die Welle muss von unten gezogen werden, damit sie aus dem Lager kommt. Das bedeutet zwar etwas mehr Aufwand, ist aber kein Hindernis.
Schadenssuche
Jetzt kommen die Sperrklinken an die Reihe, es sei denn, es handelt sich um eine kleinere Winsch, bei der sie schon früher freigelegt werden können. Sie werden von Federn gehalten, die sie in die Rezesse drücken sollen. Auch diese sind zu prüfen, und zwar auf ihre Spannung.
Sind alle Teile gereinigt und in Petroleum gebadet, macht man sich auf die Suche nach Verschleißspuren oder Schäden. Fast alle Teile sind einzeln nachzukaufen. Und damit wartet man besser nicht, bis der gefundene Haarriss in der Welle zum Bruch führt.
Die Federn der Sperrklinken sind nicht nur die wichtigsten, sondern auch die billigsten Teile. Also lieber früh ersetzen. Beim Zusammenbau soll dafür Sorge getragen werden, dass die Funktionsfähigkeit für mindestens eine Saison gewährleistet wird.
Nur wenig Fett
Bewegliche Teile müssen gut geschmiert werden, und alles, was zu diesem Kraftwerk gehört, muss gegen Korrosion geschützt sein.
Viel hilft viel? Nein! Schützen heißt nicht dass jede Menge Fett in die Mechanik gedrückt wird. Für die Lager, die Klinkenrezesse und Zahnräder gibt es von verschiedenen Herstellern spezielles Winschenfett. Es muss sparsam verwendet werden, der Überschuss wird sonst in die Zwischenräume gedrückt und beeinträchtigt die Beweglichkeit der Kleinteile. Ähnlich wie die Fahrradgangschaltung funktionieren sie am zuverlässigsten, wenn sie leicht, aber mit hochwertigem Öl geölt werden.
Die Reihenfolge des Zusammenbaus ergibt sich von selbst, wenn man sauber demontiert hat. Vorsicht bei den Sperrklinken. Manchmal kann man sie auch falsch herum einsetzen. Um diesen Fehler zu vermeiden, hilft es sich vorzustellen, wie die Zahnräder laufen müssen.
Die sorgfältige Pflege zusammen mit dem rechtzeitigen Ersatz der Verschleißteile wird für ein langes Leben ihrer Winsch und eine optimale Kraftersparnis sorgen.
Wie funktioniert das Kraftwerk?
Winschen an Bord von Yachten sollen Höchstbelastungen standhalten und immer zuverlässig arbeiten. Sie müssen außerdem so konstruiert sein, dass auch Laien eine Wartung vornehmen können. So funktionieren die Bord-Kraftwerke.
Die Basis jeder Winsch ist der Fuß. Der muss fest verankert sein, um die enormen Zugkräfte, die auf dem Tauwerk lasten, aushalten zu können. In diesen Fuß ist ein Lager integriert, das die senkrechte Welle aufnimmt.
Getriebe
Oben in der Welle befindet sich die Buchse, die die Winschkurbel aufnehmen soll. Der untere Teil der Welle besitzt einen Zahnkranz. Weitere Zahnräder sind auf Bolzen gelagert, die auch im Fuß befestigt sind. Die Welle dreht sich im Lager, der Zahnkranz unten gibt die Drehung an die anderen Zahnräder weiter.
So kann die Drehbewegung, die von den kurbelnden, über die Winsch gebeugten Seglern ausgeht, übertragen werden. Diese Drehung muss nun von der Trommel aufgenommen werden. Diese besitzt dafür innen, in Höhe der Zahnräder, einen Zahnkranz. Hier greifen die Zähne ineinander.
Lager
Um die Reibungsverluste zwischen der Trommel und dem Fuß gering zu halten, stecken auf dem senkrecht stehenden Wellenlager außen Gleitringe und Walzenlager. So könnte die Trommel also frei auf dem Fuß rotieren.
Bis hierher handelt es sich im Grunde um ein ziemlich kompaktes Getriebe. Im Laufe der Zeit hat sich viel geändert. Es gibt Winschen mit mehreren Gängen, Winschen, die elektrisch betrieben und solche, die hydraulisch bewegt werden. Das Prinzip der Übersetzung ist aber geblieben.
Was nun die Winsch zur Winsch macht, ist die Tatsache, dass sie sich nur in eine Richtung drehen darf. Sie soll ja gar nicht frei rotieren, sondern nur im Uhrzeigersinn. Sämtliche Kräfte ziehen schließlich weiterhin gegen den Uhrzeigersinn an der Schot. Also muss die Trommel gestoppt werden.
Sperrklinken
Diese Funktion erfüllen Sperrklinken, die in vorgesehene Rezesse in den Getrieben einrasten und dadurch das charakteristische Klicken beim Drehen erzeugen. Wo die Klinken sitzen, ist von Winsch zu Winsch verschieden und hängt von der Komplexität des Getriebes ab.
Was aber alle Sperrklinken gemeinsam haben: Nur sie halten die Trommel letztendlich fest. Man möchte fast behaupten, sie seien das wichtigste Bauteil – ohne damit dem Getriebekonstrukteur zu nahe treten zu wollen.
Kontrolle
Es ist also durchaus sinnvoll, nicht erst bei auffälligen Erscheinungen nachzusehen. ob alles in Ordnung ist. Winschen sind nicht unbegrenzt belastbar.
Wer an Deck unterdimensionierte Winschen stehen hat, wird unter Umständen verbogene Sperrklinken aus der Trommel holen. Ein deutliches Alarmzeichen.
Erschienen in segeln 1/1999.

