Warum die DDR-Stasi-Gleichung nicht aufgeht
Letzte Woche haben Monika Deutz-Schroeder und Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat der FU Berlin ihr neues Buch “Soziales Paradies oder Stasi-Staat?” präsentiert. Sie stellen darin dar, welches DDR-Bild Schüler in Ost und West haben. Dafür haben sie mehrere Jahre lang in vier Bundesländern geforscht. Laut zoomer.de lautet das Ergebnis, dass Schüler wenig Ahnung von der DDR haben.
Ich habe die Studie noch nicht gelesen, aber die Zusammenfassung passt gut in das Bild, das auch die PISA-Studien allgemein von der deutschen Bildungslandschaft hinterlassen haben und erscheint mir daher glaubwürdig. Aber die Zuspitzung “Soziales Paradies oder Stasi-Staat” lässt vermuten, dass hier mit den Mitteln der Wissenschaft Politik betrieben wird. Es wäre nicht das erste Mal.
Die DDR war kein Paradies, also hat die Stasi Menschen unterdrückt – das ist die einzig denkbare Auflösung. Klar hat die Stasi Menschen unterdrückt. Das Problem an der Gleichsetzung von DDR und Stasi ist, dass sie dem Alltagsleben der Mehrheit in der DDR nicht gerecht wird. Für die meisten bestand es eben nicht aus 24 Stunden Stasi am Tag, sondern aus Ausbildung, Arbeit und Privatleben – unter den Bedingungen der SED-Diktatur.
Da es in der seit fast 18 Jahren vereinigten Bundesrepublik noch Millionen Zeitzeugen gibt, geraten Ergebnisse der DDR-Forschung immer wieder in Konflikt mit den Erfahrungen der Ex-DDR-Bürger. Jedenfalls habe ich diese Erfahrung gemacht, als ich als Ex-Schleswig-Holsteiner für meine Magisterarbeit mit Ex-DDR-Bürgern gesprochen habe. Und deswegen sind pädagogische Konzepte, die auf dem Kurzschluss DDR gleich Stasi beruhen, auch zum Scheitern verurteilt.
Eine der Aufgaben der DDR-Forschung ist es, das Alltagsleben der DDR-Bürger nachvollziehbar zu machen. Wenn man das vernünftig macht, sprechen die Ergebnisse für sich. Wer dann noch Illusionen in die DDR hat, ist selbst schuld. Da die Wirklichkeit der DDR für sich selbst sprechen könnte, vermute ich hinter dem Kurzschluss “DDR gleich Stasi” ein besonderes Motiv, nämlich den Versuch, schon den Wunsch nach einer gesellschaftlichen Alternative möglichst undenkbar zu machen.
Zu einem speziellen Thema der DDR-Geschichte, dem Antifaschismus, hat die Zeitschrift der Auschwitz-Stiftung Brüssel, “Témoigner”, kürzlich einen Call for Papers für eine Ausgabe im nächsten Frühjahr ausgeschrieben (Antifaschismus revisited. Geschichte – Ideologie – Erinnerung). Es geht unter anderem um die ideologische Vereinnahmung ehemaliger antifaschistischer Widerstandskämpfer durch die SED – das Thema meiner Magisterarbeit. Auch hier wird ein belegbarer Sachverhalt aufgegriffen – SED instrumentalisiert Antifaschismus – und abstrakt verabsolutiert. Im Falle Antifaschismus gipfelt das in seiner Bezeichnung als Mythos (Antonia Grunenberg, Herfried Münkler) oder Ersatzreligion (Bernd Faulenbach).
Dem Alltagsleben der ehemaligen antifaschistischen Widerstandskämpfer im Spannungsfeld zwischen ihren eigenen Ansprüchen und der Vereinnahmung durch die SED kommt man mit diesen Verabsolutierungen natürlich nicht nahe. Darum überrascht es auch nicht, dass die genannten Autoren ihre Thesen nicht auf Gespräche stützen, sondern meistens ausschließlich auf Medienanalysen. Dabei würden die Wirkungsweisen der SED-Diktatur und die Widersprüche und Kämpfe darin viel deutlicher, wenn das Alltagsleben echter Menschen dargestellt würde statt Platitüden zu verbreiten.
Vorschläge für Artikel zum Thema sollen bis zum 1. September eingereicht werden. Dann setz’ ich mich mal ran.
Artikel bei zoomer.de: “Wenig Ahnung von der DDR”
Homepage des Forschungsverbunds SED-Staat an der FU Berlin
Call for Papers: Antifaschismus revisited. Geschichte – Ideologie – Erinnerung
Infos zu meiner Magisterarbeit

