Jenseits von Solschenizyn
Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn ist nach seinem Tod endgültig zum Mythos geworden. Deutlich wird das zum Beispiel durch die Überschrift des Nachrufs von Boris Chasanow, den die “Berliner Zeitung” druckte. “Er selbst war eine ganze Epoche”, schrieb Chasanow über die Bedeutung Solschenizyns für die literarische Verarbeitung des stalinistischen Lagersystems.
Immerhin weisen sie meisten Autoren darauf hin, dass Solschenizyn nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion großrussische Vorstellungen vertrat, die in der Tradition des undemokratischen und antisemitischen Zarenreichs standen. Viel seltener wird aber darauf verwiesen, das schon im “Archipel Gulag” in Solschenizyns spezieller Kritik am Stalinismus solche rückwärtsgewandten Ideen angelegt sind.
Deshalb ist es schade, dass mit Analogien wie “Er selbst war eine ganze Epoche” das hoffentlich neu geweckte Interesse an der Lagerliteratur der Sowjetunion ausschließlich auf Solschenizyns zweifellos lesenswertes Hauptwerk “Der Archipel Gulag” gelenkt wird. Jewgenija Ginsburgs “Marschroute eines Lebens” oder Warlam Schalamows “Erzählungen aus Kolyma” verdienen mindestens ebensoviel Aufmerksamkeit. Mit “Künstler der Schaufel” kommt dieser Tage der zweite Teil der “Erzählungen aus Kolyma” bei Matthes & Seitz Berlin heraus. Im letzten Sommer ist bereits der erste Teil unter dem Titel “Durch den Schnee” erschienen.

