Jaguar statt Mini Cooper
Martin Verhoeven hat ein Faible für alte englische Fahrzeuge. Seit vier Jahren segelt er eine Jaguar 22, einen Schwenkkieler von 1973.
„Raser“ schallt es herüber, als „Morris“ unter dunklen Wolken an einer Jantar 21 vorbeizieht. Die Stimme klingt allerdings freundlich und sie kann es auch nicht ganz ernst gemeint haben: Die theoretische Rumpfgeschwindigkeit der Jaguar 22 liegt bei 5,9 Knoten. Bei 2 bis 3 Windstärken kommt das Boot auf raumen Kursen selten über 4 Knoten hinaus.
„Wenn ich Regatten segeln wollte, hätte ich ein anderes Boot“, meint Eigner Martin Verhoeven trocken dazu. Er schätzt „Morris“ eher für die schiffigen Linien. Als robuste Kleinkreuzer sind die Boote im angloamerikanischen Raum ziemlich weit verbreitet. Dort ist die Jaguar 22 das, was die Varianta in Deutschland ist.
1969 wurde das Boot in den USA von Frank Butler als Catalina 22 entwickelt, ursprünglich für den Einsatz auf den Großen Seen. Die Werft verkaufte seitdem rund 15000 Stück. In England wurden die Boote in den 1970er und 1980er Jahren in Lizenz gefertigt. Unter dem Namen Jaguar 22 wurden etwa 6500 Stück des Schwenkkielers gebaut, der für den Einsatz an der Tidenküste wie gemacht war.
Sogar in Australien gab es 1000 Lizenzbauten unter dem Namen Boomaroo 22. Für die Qualität der Konstruktion spricht, dass die Catalina 22 in den USA in einer leicht veränderten Version mit etwas breiterem Rumpf bis heute gebaut wird.
Es passt zu seiner Jaguar 22, dass Martin Verhoeven 26 Jahre lang verschiedene Mini Cooper sein Eigen nannte. Er hat einfach eine Schwäche für englische Fahrzeuge. „Ich habe schon immer gefahren, was nicht jeder hatte“, erklärt er. Kennen gelernt hat Verhoeven die Boote allerdings in Holland – beim Jollenwandern.
1990 bekam der Freiberufler eine Congerjolle von einem Bekannter angeboten. Begeistert von der Aussicht auf ein eigenes Segelboot schlug er ein und lernte schnell auf dem Müggelsee und vor Mallorca segeln. Sein Schwager erzählte ihm dann vom Jollenwandern. So lud Verhoeven seinen Conger auf den Trailer und verbrachte einige Urlaube in Holland, wo die Jaguar 22 ebenfalls recht verbreitet ist.
2004 entdeckte der Congersegler dann bei einem Sonntagsspaziergang eine Jaguar 22 in der Scharfen Lanke in Berlin. Das Boot lang ohne Mast im Wasser und war auch ansonsten in einem bemitleidenswerten Zustand. Der Jaguar-Fan suchte den Eigner voller Hoffnung auf, doch der wollte sein Boot gar nicht verkaufen.
„Das war ein alter Herr, der das Boot seit 1973 besaß“, erinnert sich Verhoeven. „Der konnte mit seiner Frau gar nicht mehr segeln. Aber er meinte, dass sie auch mit Motor gerne noch mal raus fahren.“ Der Kaufinteressent schlug 24 Stunden Bedenkzeit vor und am nächsten Tag war er Eigner einer Jaguar 22.
Der Conger wurde verkauft und das neue Boot bedeutete erst einmal Arbeit. Die Jaguar 22 war lange nicht mehr gesegelt worden und auch an der Einrichtung hatte sich in den letzten 30 Jahren nichts geändert. „Das war die schönste 70er-Jahre-Ausstattung“, lacht Verhoeven. „Alle Bezüge waren kariert und überall saß der Gilb drin.“
Eine Woche dauerte es, bis der neue Eigner die alte Einrichtung entfernt hatte und mit einem kleinen Refit beginnen konnte. Er entfernte die Dinette und ersetzte die gammelige ausziehbare Pantry einfach durch die Kochkiste aus der Congerjolle. Mit hellen Bezügen und weißer Farbe verlieh der Freiberufler der kleinen Kajüte ein lichtes und geräumiges Erscheinungsbild.
Seitdem verbringt Verhoeven in der Saison seine Wochenenden meistens segelnd mit seinem Freund auf der Unterhavel. Aber auf Begleitung ist er nicht angewiesen, um segeln zu können. „Was ich an dem Boot so schätze, ist, dass es gut einhand beherrschbar ist. Ich muss nicht darauf warten, dass jemand mit rauskommt. Und mit dem Schwenkkiel komme ich überall hin.“
Nur wenn er an der Vereinsregatta teilnimmt, die zweimal im Jahr stattfindet, sind mehr Hände nötig. Große Erfolge sind mit „Morris“ nicht drin. Aber wenn Verhoeven sein Boot mit der Neptun 22 oder der Varianta vergleicht, die am Steg neben ihm liegen, ist er nach wie vor stolz auf seinen schiffigen Kleinkreuzer.
Die Pläne für die nächste Saison sind schon geschmiedet. Es soll wieder nach Holland gehen, zum ersten Mal mit der eigenen Jaguar 22. Ein Bekannter stellt einen passenden Trailer zur Verfügung und dann geht es über die friesische Seenplatte und auf das Ijsselmeer wie früher mit der Congerjolle. „Was mir an Holland so gut gefällt, ist, dass die Häfen mitten in den Orten liegen“, meint Verhoeven. „Das urbane Leben findet immer rund um die Häfen statt. Ich kann festmachen, aussteigen und gleich einen Kaffee trinken.“
Erschienen in segeln 11/2008.

