Segeln wie ein Elfenkönig

Schon in seiner Jugend packte ihn die Leidenschaft für Holzboote. Seit zwei Jahren segelt Matthias Pechstein nun eine der seltenen Z-Jollen aus der Vorkriegszeit.

Die Dickschiffe, die an diesem sonnigen Tag auf der Unterhavel segeln, scheinen fast zu stehen, so schnell zieht die 76 Jahre alte Holzjolle an ihnen vorbei. Köpfe drehen sich um nach dem schmalen, golden glänzenden Rumpf aus Gabunholz. Das Großsegel sieht mit durchgehenden Latten und rundem Achterliek aus wie ein gefiederter Flügel.

20 Quadratmeter Segelfläche am Wind lassen die 9,55 Meter lange Jolle schon bei leichten Böen krängen. Und dann wird es schnell nass – denn das Geschoss misst nur 1,78 Meter Breite. Seit diesem Jahr ist das Boot mit einem zweiten Trapez ausgestattet – eine gute Idee. Mit ausreichend Gewicht auf der Kante und im Trapez segelt das Boot überraschend stabil.

Plötzlich stören Motorenlärm und Auspuffgase den Segelspaß. Von Luv achteraus nähert sich ein Motorboot. Der Steuermann und sein Beifahrer erfreuen sich ebenfalls an dem Anblick, das steht ihren ins Gesicht geschrieben.

Der Beifahrer winkt mit Briefumschlägen. „Wir sind kein doch Briefkasten“, wundert sich Eigner und Steuermann Matthias Pechstein. Der Mann auf dem Motorboot ruft etwas von Einladung und Klassikern. Jetzt darf er die Papiere herüber reichen. In der Marina Lanke weiter im Norden sollen Oldtimer zu Wasser und zu Land ausgestellt werden. Die 20-m²-Rennjolle „Oberon“ ist eingeladen.

Pechstein freut sich über die Ehre. „Das ist mir auch noch nicht passiert, dass mir ein persönlicher Briefträger mit dem Motorboot hinterherfährt“. Aber der „Zwanziger“ ist auch etwas Besonderes: Die nach dem Elfenkönig aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ benannte Z-Jolle segelt derzeit als einzige ihrer Klasse auf der Unterhavel.

Vor dem Zweiten Weltkrieg tummelten sich die „Zwanziger“ in den Gewässern rund um Berlin. Dort ansässige Konstrukteure wie Artur Tiller oder Reinhard Drewitz sorgten für eine ständige Verfeinerung der Boote, weiß Matthias Pechstein. „Drewitz entwarf nicht nur zusammen mit Manfred Curry die berühmtesten Jollen unserer Klasse wie Hex III und Aero II, sondern stellte auch 1937 auf dem Müggelsee mit seiner „Agra“ den wohl immer noch ungebrochenen Rekord von 27,3 Knoten auf.“

An diese alte Berliner Z-Jollentradition knüpft der Juraprofessor Pechstein jetzt an. Als er sah, dass „Oberon“ nach 30 Jahren auf dem Ratzeburger See zum Verkauf stand, holte er die Jolle nach Berlin.

Die Leidenschaft für Holzboote packte Mattias Pechstein schon mit 16 Jahren in Mainz. Er sah eine Anzeige für eine gebrauchte Jolle und bekam sie geschenkt. Zwei Sommer lang schoss der Schüler damit über den Rhein. Aber es drang Wasser in den Rumpf ein.

Der Jugendliche wandte sich an einen Bootsbauer. Der riet ihm: „Junge, mach ein großes Feuer.“ Statt dessen bat er den Handwerker, ihm zu zeigen, wie man Nähte abdichtet. Bald konnte der Schüler seine Jolle wieder segeln.

Doch nachdem er sein Studium aufgenommen hatte, blieb dem angehenden Juristen wenig Zeit dafür. Aus einer Saison an Land wurden 20 Jahre unter eine alten Plane. Erst als Pechstein, inzwischen nach Berlin gezogen, selbst Kinder hatte, dachte er an seine alte Jolle. Sie überstand sowohl das Umdrehen als auch den Transport nach Berlin, wo eine Werft in Pichelsdorf sie von Grund auf erneuerte.

Dann war die Jolle wieder in Schuss, aber ihr Eigner wusste nicht, was er sich da hatte restaurieren lassen. Er stellte ein Foto auf der Webseite des Freundeskreises Klassischer Yachten ein. Es meldete sich ein Kundiger und löste das Rätsel: Es ist eine N-Jolle, eine 10-m²-Rennjolle für Jugendliche – der 420er der Vorkriegszeit.

Pechstein vertiefte sich in die Geschichte der Rennjollen. In den 1920er und 30er Jahren segelten sie in verschiedenen Größen über die Seen, mit Segelflächen von 10, 15, 20, 25 und sogar 40 Quadratmetern am Wind. 2006 wuchs der Wunsch, eine größere Variante zu segeln. Und dann stand der „Zwanziger“ am Ratzeburger See zum Verkauf.

„Oberon“ wird, wie es sich für eine Rennjolle gehört, auch auf Regatten gesegelt. Anfang August startete Pechstein zum ersten Mal bei der Meisterschaft der Z-Jollen auf dem Mondsee in Österreich und segelte ins Mittelfeld. Die erste Regattateilnahme überhaupt ging noch ganz anders aus. Bei der Havel Klassik 2007 erwischte eine Bö die noch unerfahrene Crew noch vor der Startlinie und warf das Boot um.

Auf der Kante sitzend verfolgten die unglücklichen Drei, wie das Feld unter dunklen Wolken davonzog. Aber diesen Preis hat Matthias Pechstein gerne bezahlt für das erhebende Gefühl, das ihn ergreift, wenn „Oberon“ auf Halbwindkurs unter Spinnaker anfängt zu fliegen.

Erschienen in segeln 10/2008.


 
 
 

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