Die heimliche Coolness der BVG-Aufzüge
Manchmal verstecken sich spannende Rätsel in alltäglichen Dingen. Zum Beispiel in den Aufzügen der BVG-Haltestellen. Als Radfahrer habe ich den Lift höchstens mal gebraucht, wenn ich am Wochenende mit Fahrrad und Gepäck zwecks Ausflug zu irgendeiner Endstation gefahren bin. Aber seitdem ich mit dem Kinderwagen unterwegs bin und U- und S-Bahn häufiger nutze, eröffnet sich mir eine neue Welt.
In ihren Fahrstühlen lerne ich die Stadt praktisch ein zweites Mal kennen. Beispielsweise den Alexanderplatz. Um von der U2 in die U8 umzusteigen, fährt man im ersten Aufzug hoch, überquert die Straßenbahngleise und fährt im zweiten runter. So ähnlich läuft es am Hermannplatz. Schon klar, das ließ sich nachträglich nicht anders lösen. Hat auch einen tollen Effekt: die Umsteiger bevölkern die beiden Plätze. Ansonsten gibt es schließlich wenig Grund, sich dort aufzuhalten.
Außerdem stelle ich als regelmäßiger Fahrstuhlnutzer fest, dass es – dem Geruch darin nach zu urteilen – in Berlin anscheinend einen ziemlichen Mangel an Toiletten oder Bäumen und Büschen gibt. Wer hätte das gedacht, angesichts der Dichte an Eckkneipen, Coffeeshops und Parks? Soviel zu den offensichtlichen Merkwürdigkeiten – jetzt zu den Rätseln.
Erstens: Warum sind die Dinger so langsam? Der Aufzug bewegt sich in Zeitlupe, die Türen öffnen sich in Zeitlupe und die Zeit dazwischen vergeht ebenfalls in Zeitlupe. Was soll das? Falls irgendjemand denkt, das sei technisch nicht anders zu machen – selbst in Bielefeld gibt es schnellere Fahrstühle. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass Fahrten mit Liftbenutzung doppelt so lange dauern wie ohne, nur verstehen tu ich’s nicht.
Zweitens: Warum werden die Aufzüge vor allem von Fahrgästen benutzt, die sie gar nicht brauchen? Natürlich sehe ich auch mal Rollstühle, Kinderwagen und Krückstöcke. Aber bei den wenigsten Benutzern. Nicht, dass ich mich beschweren wollte. Bisher bin ich immer im nächsten Aufzug mitgekommen. Ich wundere mich nur. Die Dinger stinken und sind langsam. Das ist doch unpraktisch.
Seit dem Tod des King of Pop habe ich allerdings eine Vermutung: Die Rätsel hängen zusammen. Der Aufzug dient als Vehikel für den ultimativen Auftritt. So ähnlich wie Michael Jackson in seinen besten Tagen auf der Bühne erschien, so erscheint heute der durchschnittliche Fahrstuhlbenutzer auf dem Bahnsteig. In Zeitlupe taucht der Glaskubus auf: Erst sind nur Füße zu sehen, dann auch Beine, als nächstes der Oberkörper und schließlich der Kopf. Oder umgekehrt. Jedenfalls fehlen nur Trockeneis und Lasergewitter.
Ich übe jetzt mal den Moonwalk, um den Kinderwagen stilecht in den Aufzug schieben zu können.






7. Juli 2009 um 07:47
Sag’ uns Bescheid, wenn Du fertig mit Üben bist, den großen Auftritt wollen wir nicht verpassen und kommen auch gerne mit Kameras für das Blitzlichgewitter. :-) Eigentlich verdienst Du eine Medaille für das viele Fahren in diesen miefigen Schneckenaufzügen.
7. Juli 2009 um 10:02
Warum die Aufzüge langsam sind
1. Grund: Sicherheit
Wenn die Aufzüge langsam fahren und die Türen sich nur im Schneckentempo öffnen und schließen, dann wird es unwahrscheinlich, dass sich jemand verletzt, weil sie heißen Kaffee verschütten oder unbedingt durch die geschlossene Tür wollen.
2. Grund: Abschreckung
Wenn die Aufzüge keinen Spaß machen, weil sie stinken und langsam fahren, dann fahren weniger Leute damit. Das spart Strom. Die BVG will gar nicht unbedingt, dass viele Leute Aufzug fahren.
3. Grund: zu kleiner Motor
Die Aufzüge sind mehr wie ein Fiat 500 und weniger ein 7er BMW. Kleine, lahme Motoren sind billiger. In einem 50stöckigen Hochhaus in Singapur wäre solch ein Antrieb nicht akzeptabel, aber mit Berliner Omas kann man’s ja machen.
4. Grund: Die Konstrukteure fahren nicht selber
Die Leute, die über die Aufzüge entscheiden, fahren Auto. Und wenn sie doch mal U-Bahn fahren sollten, brauchen sie keinen Aufzug, weil sie männlich, 25-40 Jahre alt und kräftig sind. Wenn Wowereit, Merkel und die BVG-Chefetage jeden Tag solche Aufzüge zur Arbeit benutzen müssten, könnten wir bald auf Besserung hoffen.
5. Grund: Deine Zeitwahrnehmung
Was ist schnell, was ist langsam? Vielleicht bist du einfach zu ungeduldig, weil deine innere Uhr im Gegensatz zu deiner Umgebung zu schnell tickt. Einfach mal durchatmen und entspannen…
Übrigens sind die Aufzüge an Berliner U- und S-Bahnhöfen ein historischer Fortschritt vor allem für Rollstuhlfahrer. Wenn ich mich richtig erinnere, geht der Umbau auf den rot-grünen Senat nach 1989 zurück. Vorher hatte man einfach Pech, wenn man weniger mobil war.
Mit Kinderwagen vor Neuköllner Treppen haben uns meist türkische Jugendliche geholfen. Die Deutschen haben immer gejammert, dass sie es mit dem Rücken haben.