Der Pate der Zeesboote
Schon mit 13 Jahren begeisterte er sich für Zeesboote – inzwischen hat er schon fast alle auf seiner Werft gehabt. Ein Besuch bei Nils Rammin am Barther Bodden
Kreischend fährt der Elektrohobel wieder an der Kante entlang. Späne fliegen. Das Bodenbrett für den Neubau wird so lange angepasst, bis es den Ansprüchen des Bootsbauers genügt. Oberfräse und Handkreissäge liegen neben ihm an Deck. Auf dem Werftgelände am Barther Bodden arbeiten die Handwerker mit modernen Maschinen und Werkzeugen, aber die Boote, die sie bauen, stammen aus einer anderen Zeit.
Bootsbaumeister Nils Rammin hat sich auf Bau, Reparatur und Restaurierung von Zeesbooten spezialisiert. Über Jahrhunderte hinweg entwickelte sich dieser Bootstyp in den flachen Boddengewässern der pommerschen Küste. Typisch sind der geringe Tiefgang und die breite und flache Spantform. Anstelle eines senkrechten Balkenkiels besitzen die Zeesboote eine waagerechte Kielplanke.
Zeesboote waren im Handel und im Krieg im Einsatz, aber das von den Fischern verwendete Schleppnetz, die Zeese, verlieh den Booten ihren Namen. Mit aufgeholten Seitenschwertern gingen die Kähne seitlich auf die Drift und zogen dabei die Zeese am Klüverbaum und dem achtern ausgebrachten Driftbaum durch das Wasser.
Typisch ist auch, dass kein Zeesboot dem anderen gleicht. Sie hatten viele Vorläufer und unterlagen vielfältigen Einflüssen, die Seeleute von ihren weitreichenden Fahrten nach Pommern heimbrachten. So kommt es, dass Werftchef Rammin heute seine Neubauten ohne Riss herstellt, dafür aber mit viel Erfahrung. „Wir können kein Boot hundertprozentig reproduzieren“, gibt er zu. „Das geht Pi mal Daumen.“ Zu den Bootsmessen bringt der Chef sein eigenes Zeesboot als Anschauungsobjekt mit.
Während Rammin als Sohn eines Schiffbauschlossers in der DDR heranwuchs, wurden immer weniger Zeesboote tatsächlich in der Fischerei eingesetzt. Zwar waren die außer Dienst gestellten Boote noch ordnungsgemäß im Fischereiregister eingetragen, aber über die anderen Zeesboote, die von Privatleuten unterhalten wurden, gab es keinen Überblick. Mit der Zeesenfischerei drohte auch die Tradition der Zeesboote unterzugehen.
Mit 13 Jahren traf Nils Rammin die Entscheidung, sich ernsthaft dem Zusammenhalt der Zeesboote zu widmen. Er recherchierte, legte für jedes Boot eine Karteikarte an und sammelte Fotos. Über Jahre. Anfang der 90er Jahre entdeckte dann der Rostocker Uwe Grünwald seine Liebe zu den Zeesbooten und begann langsam, ein Archiv im Internet aufzubauen.
Heute betreiben Grünwald und Rammin die Traditionspflege gemeinsam: „Er Geschichte, ich Technik,“ bringt der Werftchef es norddeutsch nüchtern auf den Punkt. „Die Leute, die sich auskennen, die sind alle schon tot,“ bedauert der Bootsbauer zwar. Doch über die Jahre ist er nun derjenige geworden, der sich auskennt.
Offensichtlich teilen so viele Menschen seine Leidenschaft, dass seine Firma nicht nur überlebt, sondern auch wächst. Im Winter reiht sich auf dem Gelände Holzrumpf an Holzrumpf. Ein Zelt voll, zwei Zelte voll. 250 Boote insgesamt, nicht nur Zeesboote. Die weißen Zelte wirken wie ein Provisorium, doch sie haben sich bewährt. Auf dem Gelände am Barther Wirtschaftshafen ist der Untergrund recht feucht. „Deshalb trocknen die Holzrümpfe nicht so schnell aus“, erläutert Nils Rammin.
Dass den hölzernen Booten das Mikroklima in den Zelten gut bekommt, scheint sich rumgesprochen zu haben, denn neben den groben Arbeitsbooten liegen inzwischen auch einige Schmuckstücke wie die Herreshoff-Ketsch „Bounty“ von 1933 oder der über hundert Jahre alte englische Lotsenkutter „Fair Dawn“ bei Rammin im Winterlager.
Dabei ist die Idee mit den Zelten aus der Not geboren. 1990 übernahm Vater Ekkehard Rammin den ehemaligen Reparaturstützpunkt der Fischereigenossenschaft. Auf dem Gelände am Flusslauf im Barther Hafen standen nur eine Werkstatt und eine kleine Halle. Auf das gesamte Grundstück passten knapp 15 Boote. Zum Areal gehörte aber auch eine alte Slipbahn mit Querablauf. Kurzerhand errichteten die Männer darüber ein stabiles Zelt – und stellten fest, dass die Konstruktion recht praktisch war. So konnten sie die reparierten Boote direkt zu Wasser lassen.
Bald reichte der Platz nicht mehr. Anfangs war Ekkehard Rammin noch allein, weil sein Sohn, der ebenfalls Schiffbauschlosser gelernt hatte, zuerst eine Umschulung zum Bootsbauer hinter sich brachte. Aber als Nils 1992 anfing, waren sie schon zu fünft. Heute zählt die Werft insgesamt 18 Mitarbeiter und arbeitet zusätzlich mit verschiedenen Subunternehmern zusammen. Im Schnitt bauen Rammin und seine Leute alle zwei Jahre ein neues Zeesboot.
Nachdem Nils Rammin 2002 den Betrieb von seinem Vater übernommen hatte, kaufte er 2003 das erste Stück Land am Wirtschaftshafen. Ein Jahr später zog der ganze Betrieb um. Inzwischen ergänzt eine neue Halle die alten Hallen und Zelte. Dank der lichten Höhe von 12,50 Meter kann Rammin jetzt die Schiffe mit dem Travellift direkt bis zum Standplatz fahren.
Mit der neuen Halle kann die Werft 70 Schiffe mehr aufnehmen, aber der Werftchef sieht das Winterlager nur als Zubrot. „Ich will mit dem Lager kein großes Geld verdienen,“ erklärt Rammin, „sondern ich möchte, dass die Leute sich bei uns wohl fühlen. Dann geben sie vielleicht auch mehr Geld für Aufträge aus,“ hofft er. Sicher kommt dem Betrieb auch gelegen, dass es auf ihrem Spezialgebiet wenig Konkurrenz gibt. Außerdem kann die Werft eine breite Palette an Aufträgen abdecken: „In Stahl und Holz machen wir alles, in Kunststoff auch, aber nicht so gerne.“
Von der Krise merkt der Betrieb bisher wenig, sagt Rammin. „Sicher wird sie sich auch bei uns bemerkbar machen,“ gibt er zu, „aber wir verkaufen ohnehin nicht viele neue Boote und die, die da sind, müssen unterhalten werden, damit sie nicht an Wert verlieren.“ Zudem sind Zeesbooteigner Liebhaber und werden versuchen, auf anderen Feldern zu sparen als ausgerechnet beim Unterhalt ihrer Lieblinge.
Heute segeln meist private Eigner die alten Fischerboote. Die meisten von ihnen stammen aus der Region. Aber viele Boote bleiben auch dann an der Ostsee liegen, wenn die Eigner aus Kassel oder Minden kommen. Gut so, meint der Werftchef, denn „die Boote gehören an den Bodden und nicht an den Bodensee“. In den letzte Jahren sind erst zwei Boote von der Küste ins Binnenland verlegt worden.
Schon in der DDR gehörten die meisten Zeesboote Privatleuten. Nur drei Stück befanden sich in Volkseigentum, wie es damals hieß. Der größte Teil der Boote lagerte auf dem Clubgelände im nahen Bodstedt. Die Bedingungen waren schwierig: Es gab nur eine Slipbahn mit Querablauf und handgetriebenen Winden. Die Segelnummern gingen damals nur in die Sechziger.
Heute sind die vergebenen Segelnummern schon über die 100 hinausgegangen. Seit 1990 sind also einige Neubauten dazugekommen, aber die Leute wollen Boote mit Geschichte, weiß Niels Rammin. Also sind die meisten aktiven Zeesboote auch heute noch alte Fischerboote, die neu aufgearbeitet worden sind.
Nachdem in Deutschland keine ursprünglichen Zeesboote mehr zu finden waren, haben viele Interessierte Boote aus Dänemark geholt. Ende des 19. Jahrhunderts waren die Gewässer vor der pommerschen Küste überfischt, so dass viele Fischer auswanderten und ihre Boote mitnahmen. So breitete sich der Bootstyp auch im Nachbarland aus.
Inzwischen leidet die Szene nach dem anfänglichen Boom an Überalterung. „Im Moment ist es schwer, Boote loszuwerden,“ meint der Werftchef. Junge Leute seien wenig bereit, Geld und Zeit für traditionelle Segelboote zu opfern, meint er. „Früher war das anders“, erinnert sich Rammin, „wir hatten ja nur den Hafen und die Boote. Heute dagegen gibt es Freizeitstress, ich sehe das ja an meinen eigenen Kindern.“
Trotzdem tut Nils Rammin, was er kann, um die Tradition am Leben zu erhalten. Zusätzlich zu seinem Beruf ist er noch Vorsitzender der Klassenvereinigung und des Traditionsvereins Bodstedt. Mehr Leidenschaft geht nicht.
Erschienen in segeln 11/2009.
