Aus alt mach neu

Los ging es mit einer maroden Marineyacht. Seitdem entwickelt sich Robbe und Berking Classics in Flensburg zu einem neuen Zentrum für klassischen Yachtbau.

Noch besteht sie nur aus einem Satz grauer Stahlspanten, einem hölzernen Kielbalken und einem massiven Stevenrohling. Die Teile liegen auf Paletten in einer modernen Halle am Flensburger Hafen, im Schatten des meterhoch aufragenden schwarz-roten klassischen Jachtrumpfes der „Sphinx“. Doch wenn sie fertig ist, dann steht sie bald ebenso groß daneben. Und auf der Flensburger Förde segelt sie der „Sphinx“ vielleicht sogar davon: Anker 434, die letzte 12-Meter-R-Jacht aus der Feder Johan Ankers.

Der norwegische Segler, Konstrukteur und Werftbesitzer Anker (1871-1940) ist einer der Väter der Meterklassen. Anker ist dabei, als sich 1906 die europäischen Seglernationen auf neue Bestimmungen zum Bau von Rennjachten einigen. Das Ziel ist, direkt vergleichbare Boote zu erhalten. Keine Handicaps mehr, um einen Sieger zu ermitteln, sondern: Wer zuerst im Ziel ist, gewinnt. Die neue International Rule verrechnet die Hauptabmessungen zu einer ganzen Zahl, wie etwa der 12, die der 12-Meter-R-Klasse – kurz 12mR – ihren Namen verleiht.

Johan Ankers Meterjachten

Die neue Formel wahrt die Balance zwischen Freiraum und Grenzen für die Konstrukteure. Daher können sich die Jachten der Meterklassen im Rahmen der International Rule in Länge und Breite stark unterscheiden. 12mR-Jachten beispielsweise können von unter 15 bis über 20 Meter lang sein. Das System hat Bestand: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird die Formel noch zweimal überarbeitet, aber auf 12ern nach der letzten Fassung von 1933, der so genannten Third Rule, wird noch bis in die 1980er Jahre der America’s Cup ausgesegelt.

Johan Anker entwirft nach der von ihm mit entwickelten Formel noch vor dem Ersten Weltkrieg diverse Meterjachten und segelt sie zum Teil selbst mit Erfolg. Bei den Olympischen Spielen 1908 erreicht er mit seiner 8mR-Jacht „Fram“ zwei zweite Plätze, 1912 gewinnt er mit der ersten von ihm gezeichneten 12mR-Jacht „Brand IV“ die Goldmedaille. Das Boot, das Johan Anker 1929 entwirft, kennt fast jeder Segler: Es ist der Drachen, der bis heute als klassische Rennklasse gesegelt wird. 1939 zeichnet Johan Anker den Entwurf Nummer 434 – seinen letzten 12er.

„Ostwind“ wird wieder „Sphinx“

Aufgrund von Krankheit und Krieg wird der Entwurf Nummer 434 nie umgesetzt – bis Oliver Berking die Pläne erwirbt. Berking, Geschäftsführer der Werft Robbe und Berking Classics in Flensburg, hat bereits Erfahrung mit dem Bau von Meterjachten. 2005 sollten die 12er der Marineschule Mürwik „Ostwind“ und „Westwind“ versteigert werden. Nachdem das nicht verhindert werden konnte, entschloss sich Berking gemeinsam mit den Flensburger Seglern Jochen Frank und Gorm Gondesen, mitzubieten und erhielt den Zuschlag für die „Ostwind“.

Unter einem provisorisch errichteten Zelt im Flensburger Hafen begann Anfang 2006 die Restaurierung unter Leitung des Bootsrestaurators Kai Wohlenberg. Dass der Aufwand nicht abzusehen war, das war klar. „Aber keiner hat gedacht, dass das Schiff fast komplett neu gebaut werden muss,“ erinnert sich Wohlenberg. Ein Beispiel unter vielen: Das Team ersetzte alle Eisenspanten durch neue Teile aus Niro. Nach über zwei Jahren Bauzeit konnten die Eigner im Sommer 2008 die alte „Ostwind“ unter ihrem ursprünglichen Namen zu Wasser lassen: „Sphinx“.

Eine neue Werft in Flensburg

Um das mit „Sphinx“ gewonnene Know-How zu erhalten und zu nutzen, gründete Oliver Berking noch im Sommer die Werft Robbe und Berking Classics. Mit Erfolg: „Die anderen 12er hatten wir schnell hier.“ Der Betrieb läuft also, aber im Prinzip ist die Werft reine Leidenschaft; im Hauptberuf führt Oliver Berking in fünfter Generation den Besteckhersteller Robbe und Berking. Doch Segelboote begleiten den 50-Jährigen schon seit seiner Kindheit. Vom Optimisten führte ihn der Weg über die OK-Jolle bis zum Folkeboot, auf dem ihn das Holzfieber erstmals packte.

„Den endgültigen Kick“, sagt Berking, bekam er auf dem Holzbootfestival im norwegischen Risør beim Anblick des 8ers „Lydia“. „Ein wunderhübsches Teil,“ schwärmt der Segler noch heute von seiner ersten Begegnung mit einer Meterjacht. Bald segelte er mit Freunden auf den Weltmeisterschaften der 5,5mR-Jachten mit und stieg immer tiefer in die Welt der Meterklassen ein. Bald machte sich Berking mit der Organisation verschiedener Klassiker-Events einen Namen in der Szene.

Die Klassikerszene wächst

1995 fand die erste Robbe und Berking Classic Week auf und um die Flensburger Förde herum statt, 2001 trugen die 5,5er ihre Weltmeisterschaft hier aus. Andere Meterklassen folgten. Die lebendige Klassikerszene bietet das Fundament für Berkings Unternehmen: „Unser Ziel ist ein Zentrum für klassischen Jachtbau. Ohne zu wissen, wie das genau aussehen soll.“ Auf dem Weg dahin geht es jedenfalls voran. Neben Anker 434 baut Robbe und Berking Classics für die nächste Weltmeisterschaft der 6er 2013 auf der Flensburger Förde im Kundenauftrag zwei Klassiker neu.

Den 6er „Nirvana“ entwarf der US-Konstrukteur Olin Stephens 1939. Bei Abeking und Rasmussen gebaut, ging er 20 Jahre später bei einem Brand im Winterlager verloren. Die Replik nach Originalplänen hängt nun als „Siesta“ in den Krangurten, damit der Kiel gestrichen werden kann. Noch nicht ganz soweit ist die „Apache“, ein 1939 als „Iselin“ gebauter 6er aus der Feder des Norwegers Bjarne Aas. Ihr Rumpf steht in der kleineren Halle nebenan. Soeben ist das Teakdeck vergossen worden; die Stäbe werden geschliffen und das letzte Laibholz angepasst.

Jede Meterjacht nur einmal

So ganz einfach ist es nicht zu bestimmen, was Robbe und Berking Classics in seinen Hallen eigentlich treibt. Ist es eine Restaurierung, wenn eine Werft ein Boot neu baut, das vor über 50 Jahren verbrannt ist? Ist es ein Neubau, wenn eine Werft sich streng an die Pläne eines Bootes hält, das schon einmal existiert hat? Oliver Berking bringt es für sich auf die Formel: Repliken und Restaurierung. Moderne Mittel sind dabei kein Tabu. Klar ist aber eins: Jede Meterjacht darf nur einmal existieren. Es kommt also darauf an, sich die Rechte an ihnen zu sichern.

Deshalb ließ Robbe und Berking Classics den 2008 in Kanada gesunkenen Totalschaden „Jenetta“ heben. Dieser 12er stammt vom Reißbrett des Schotten Alfred Mylne, einem weiteren Vater der Meterklassen. „Jenetta“ ist zudem ein ganz besonderer 12er, in den Oliver Berking große Hoffnung setzt. Die Jacht wurde 1939 für William Burton entworfen, der zuvor bereits drei 12er besessen hatte. Sie ist der längste 12er, der je gebaut wurde und zudem der einzige, der „Vim“ schlagen konnte, die als schnellste dieser Jachten gilt.

Berkings Archiv

Informationen über klassische Jachten und Hinweise auf ihre Geschichte findet Oliver Berking in alten Segelmagazinen. Meter um Meter füllen „Rudder“, „Yachting“ und andere Magazine in den weißen Regalen im Büro gegenüber der Werfthalle. „Wenn ich irgendwas von 1929 aufschlage, ist das genau die Welt, die wir wollen,“ meint Berking. Zwischen den vergilbten Seiten steckt reichlich Material für weitere Projekte. Das internationale Register der 12mR-Jachten weist noch etliche verloren gegangene Exemplare aus: verschwunden, gesunken, abgewrackt.

Und doch setzt Oliver Berking nicht auf ein Vorwärts in die Vergangenheit als reine Meterklassen-Werft. Neben den beiden 6ern arbeiten die Bootsbauer auch an einem 50-Fuß-Seekreuzer nach einem Entwurf von Georg Nissen und an einer Kleinserie von Motorbooten nach dem Vorbild der US-amerikanischen Commuter aus dem 1920er Jahren. Zudem übernahm die Werft 2011 den Makler für klassische Jachten Baum und König. Eins ist klar. An dieser Ansammlung von schnellem Edelholz hätte Johan Anker seine Freude gehabt.

Erschienen in segeln 9/2012.

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