Bleibt alles anders

Wie Bénéteau zum größten Segelboothersteller der Welt wurde. Eine Geschichte über Tradition, Innovation und den richtigen Riecher im entscheidenden Moment.

Wenn man der weltgrößte Hersteller von Segelyachten ist, dann ist alles ein paar Nummern größer. Zum Beispiel die Standorte. In Le Poiré-sur-Vie fährt das Personal mit dem Fahrrad durch die Werft. Aber auch die Anzahl der Standorte: unübersichtlich. Es sind 19 auf der ganzen Welt, davon 15 in Frankreich. Der Ausstoß dieser Standorte: mehr als 9000 Boote pro Jahr, Segel- und Motoryachten zusammengerechnet. Bei Bénéteau sind die Dimensionen einfach andere als bei den meisten anderen Werften.

Die Groupe Bénéteau, die unter ihrem Dach die Segelbootmarken Bénéteau, Jeanneau und Privilège, aber auch die Superyachtschmiede CNB, einige Motorbootmarken und Wohnwagenmarken beherbergt, beschäftigt auf der ganzen Welt 7000 Menschen – Tendenz steigend. Erst Ende 2017 hat die Groupe Bénéteau auf der Pariser Bootsmesse bekannt gegeben, an den französischen Standorten insgesamt 500 neue Mitarbeiter einstellen zu wollen und weitere 100 im Rest der Welt.

Marktführer Bénéteau

Die meisten neuen Mitarbeiter sollen in der Produktion von Booten eingesetzt werden. Insgesamt sollen im Jahr 2017/18 70 Millionen Euro in die Bootssparte investiert werden. 2016/17 warf diese 85 Prozent des Ertrags der gesamten Groupe Bénéteau ab, das sind mehr als eine Milliarde Euro. Die Segelboote sind daran zu 44 Prozent beteiligt. Mit diesen Zahlen behauptet sich Bénéteau seit den 80er-Jahren als Marktführer an der Spitze der größten Serienbootswerften der Welt.

Alles begann 1884, als Benjamin Bénéteau sich entschloss, in Croix-de-Vie Fischerboote zu bauen statt zur See zu fahren. Croix-de-Vie liegt in der Vendée, einem Marschland im zentralen Westen Frankreichs zwischen der Mündung der Loire im Norden und der Mündung der Charente im Süden. Noch heute prägt die Landwirtschaft die Vendée. Damals spielte zudem die Fischerei eine große wirtschaftliche Rolle, und Croix-de-Vie am gleichnamigen Fluss war das lokale Zentrum der Sardinenfischerei.

Mit Steinen gegen das Motorboot

Die Fischerboote, Segler um die zehn Meter, waren reine Arbeitsboote, aber es kam auch auf Geschwindigkeit an. Wer zuerst die Fangplätze erreichte und mit seinem Fang zurückkehrte, erzielte bei den Auktionen die besten Preise, wenn sich die Einkäufer der Fischfabriken überboten. Wer sich gegen andere Bootsbauer durchsetzen wollte, musste Neues ausprobieren. Doch die Fischer hielten gerne an bewährten Booten fest. Darum probierten die Bootsbauer ihre neuen Boote üblicherweise zunächst selbst aus.

1909 provozierte Benjamin Bénéteau mit einer bis dahin unerhörten Innovation: Er baute das erste motorbetriebene Fischerboot in der Gegend. 40 PS trieben das 13 Meter lange Fahrzeug an. Kunden fand Bénéteau damit zunächst nicht. Im Gegenteil: Die Frauen der Fischer, die oft selbst in den Fischfabriken arbeiteten, fürchteten, der Lärm würde die Fische vertreiben und bewarfen das neue Boot mit Steinen. Berittene Polizei aus den Nachbarstädten Les Sables-d’Olonne und La Roche-sur-Yon schritt ein.

Beiboote aus GFK

Doch Benjamin Bénéteau ließ sich nicht beirren. Nachdem er sein erstes motorisiertes Fischerboot »Vainqueur des Jaloux«, den Bezwinger der Neidischen, getauft hatte, nannte er Baunummer 2 »Nul s’y frotte«, was man sinngemäß mit Mir kann keiner übersetzen könnte. Langsam, aber sicher setzte sich die Erkenntnis durch, dass ein Motor bei Sturm und Flaute sicher in den Hafen helfen kann. Und so hieß Baunummer 3 dann »La paix«, der Frieden. Die Zeit segelnder Fischerboote ging zu Ende.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten der langsame Niedergang der Fischerei und die Tendenz zu immer größeren Booten die kleine Werft vor große Herausforderungen. Ende der 50er-Jahre probierten die ersten französischen Bootsbauer den neuen Werkstoff GFK aus, den sie in den USA kennengelernt hatten. André Bénéteau, der die Werft 1928 in zweiter Generation übernommen hatte, kam 1962 auf die Idee, den Fischern Beiboote aus GFK anzubieten, in einer Länge zwischen 3,60 und 5,80 Metern.

Die Erfindung der Sportboote

Ohne es zu wissen, erfand die Werft mit dieser Innovation den Markt der Sportboote in Europa mit. Denn die segelbaren kleinen Fahrzeuge waren nicht nur als Beiboote für Berufsfischer interessant, sondern auch für die wachsende Zahl von Menschen, die in ihrer Freizeit Hobbies wie Angeln und Segeln nachgehen wollten. Mit der Präsentation des Modells Flétan – Heilbutt – auf der Pariser Bootsmesse 1965 traf Bénéteau diese Stimmung genau. Vergleichbare Boote gab es damals außerdem kaum.

Annette Roux und André Bénéteau, die dritte Generation der Familie, zogen sich ganz aus dem schrumpfenden Markt der Fischerboote zurück und setzten voll auf die neuen Sportboote. Mit Erfolg: 1972 kaufte die Werft einen kleinen Hafen, der für die Austernzucht genutzt worden war, nebst einer stillgelegten ehemaligen Fischfabrik in L’Epoids etwas nördlich von dem inzwischen mit Saint-Gilles-sur-Vie fusionierten Croix-de-Vie. Diese Halle sollte zum ersten industriellen Standort von Bénéteau werden.

Als der Wassersport boomte

Schritt für Schritt wagte sich die Werft weiter in dem entstehenden Markt für Segelboote vor. Die erste echte Segelyacht aus dem Hause Bénéteau war 1973/74 die Evasion 32, eine ketschgetakelte Decksalonyacht. Die Werft hoffte, damit das wachsende Bedürfnis nach Lebensraum am Bord zu erfüllen. Die Nachfrage war groß genug, dass die Firma sich entschied, extra für die Fertigung der Evasion 32 einen weiteren Standort in Commequiers, unweit von Saint-Gilles-Croix-de-Vie, einzurichten.

Parallel wuchs aber auch das Bedürfnis nach schnellen, leichten Segelyachten. Auf diesem Feld hatte die ehemalige Fischerbootwerft Mitte der 70er so gut wie gar keine Erfahrung, und sie zählte auch keine entsprechenden Konstrukteure in ihren Reihen. So kam man auf die Idee, die Form der Siegeryacht des Halbtonnercups von 1973, L’Impensable, die Undenkbare, zu kaufen und sie von ihrem Designer André Mauric serientauglich anpassen zu lassen. Das Ergebnis nannte die Werft First 30.

Expansion und Absturz

Mit dieser First 30 traf Bénéteau 1976 erneut genau die Stimmung. Ihr Erfolg machte wiederum neue Produktionsstätten erforderlich, für deren Entwurf die Werft eine eigene Abteilung gründete. Mit der First 30 wurde 1979-81 die jährliche Tour de France à la Voile ausgetragen. Diese Regattaserie an den Küsten Frankreichs trug immens zur Beliebtheit des Segelsports in Frankreich wie auch zu Verbreitung der First 30 bei, die zur nationalen Einheitsklasse und außerdem zum Exportschlager wurde.

In den 80er-Jahren expandierte Bénéteau immer weiter. Es schien keine Grenzen zu geben. 1984 ging die Firma an die Börse. 1985 eröffnete Bénéteau eine eigene Werft in den USA, um die dortige Nachfrage zu bedienen. Doch dann folgte ein jäher Absturz. Fehlerhafte Harze führten zu über 1000 Osmosefällen, welche die Werft reparierten musste. Bénéteau prozessierte jahrelang um seinen guten Ruf, doch der Makel der Osmosewerft war erstmal in der Welt und sorgte für Umsatzeinbrüche.

Wachstum im Chartermarkt

Es waren im wesentlichen zwei Modelle, dank derer es mit der Werft ab Ende der 80er wieder aufwärts ging. Mit der ersten Oceanis 350 begann Bénéteau eine auf Fahrtensegler zugeschnittene Modellreihe und griff auf Erfahrungen insbesondere mit der Idylle 13.50 zurück, die in den 70ern für den Chartermarkt entwickelt worden war. Mit der First 35 S 5 erfand die Werft die angeschlagene First-Reihe neu. Der Entwurf des Designers Philippe Starck (SY A) polarisierte und sorgte für Gesprächsstoff.

1989 gewann die Werft zudem den Wettbewerb um die Einheitsklasse, mit der die Figaro-Einhand-Regattaserie austragen werden sollte, was für weiteres Prestige sorgte. Mitte der 90er war Bénéteau zurück auf Expansionskurs. Schon 1992 übernahm man die Superyachtschmiede CNB in Bordeaux. 1995 folgten der Konkurrent Jeanneau und die Katamaranwerft Privilège, 1997 dann Wauquiez. 2003/04 wurde aus der Werft Bénéteau die Groupe Bénéteau, mit der Familie als Mehrheitseigentümerin.

Die Position behaupten

Heute setzt die Gruppe alles daran, ihre Position als Marktführer zu behaupten – in dem Bewusstsein, dass Krisen wie nach dem Lehman-Brothers-Crash 2008 wiederkommen können. Die Stichworte lauten Effizienz und Change Management. Die historische Entwicklung brachte es mit sich, dass bestimmte Modelle mit bestimmten Standorten verknüpft waren. Das soll anders werden. Ziel ist, an allen Standorten alle Boote produzieren zu können – mit Ausnahme derer, die für Straßentransport zu groß sind.

Auch die Effizienz pro Boot soll weiter verbessert werden. Derzeit arbeiten drei Teams gleichzeitig an Rumpf, Innenschale und Deck, um die Boote im Takt des Fließbands fertigzustellen. Wo möglich, setzt die Werft bereits Injektionsverfahren ein, deren Anteil noch gesteigert werden soll. Zum Bohren und Trimmen kommen auch Roboter zum Einsatz. Die jüngsten Neueinstellungen weisen darauf hin, dass die Groupe Bénéteau beabsichtigt, die in Frankreich bestehende Produktion auch dort zu halten.

Erschienen in segeln 2/2018.

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