Der Star der Stars

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Regattasegler aus aller Welt vertrauen auf die Bootswerft Mader. Besonders erfolgreich sind die Starboote aus dem oberbayerischen Waging

Auf den ersten Blick wirkt Waging am See nicht gerade wie ein Mekka des Segelsports. Am Waginger See mit seinen knapp sieben Quadratkilometern sind ganze zwei Segelvereine mit eigenem Gelände ansässig. Eine zusätzliche Marina gibt es nicht. Ruhig und beschaulich liegt das Gewässer in Oberbayern, kurz vor der österreichischen Grenze. Die nächste größere Stadt ist Traunstein, mit knapp 19.000 Einwohnern auch nicht gerade eine Metropole.

Und doch zieht es regelmäßig internationale Gäste nach Waging, genauer gesagt in den Ortsteil Fisching. Denn dort hat die Bootswerft Mader ihren Sitz. Die Fotos an der Wand im ihrem Büro zeigen eine kleine Ahnengalerie des Segelsports. Ein Hinweis auf den Ruf der Mader-Boote außerhalb Oberbayerns. Vielen Porträtierten hängt Edelmetall um den Hals. Ein großer Erfolg in diesem Jahr: Der Brite Iain Percy gewann mit seinem Vorschoter Andrew Simpson in einem Mader-Bau den Weltmeistertitel im Starboot.

Zwei Jahre zuvor hatte die Crew bereits die olympische Goldmedaille ersegelt. Die Vorbereitung war eine spannende, aber stressige Zeit, erinnert sich Werftchef Leonhard Mader. Das Boot wurde genau auf den Punkt fertig. Abends um 22 Uhr war der Rumpf aufgeladen – am nächsten Morgen um 8 Uhr brachen die Briten damit zur Europameisterschaft nach Kroatien auf, um sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. „Wir haben das Schiff an einem Tag beschlagen, wofür wir normalerweise vier Tage brauchen,“ erzählt Mader. „Wir waren aber auch mehr Leute.“

Der sympathische Bayer freut sich über die Treue, die Percy ihm entgegenbringt. „Er ist mit Material gesegelt, über das viele andere gesagt haben, dass er damit nicht gewinnen kann.“ Viele derzeit erfolgreiche Starboote werden in Italien bei Folli oder Lillia gebaut, erklärt Mader. „Aber Percy hat uns vertraut.“ Der Weltmeistertitel zwei Jahre nach dem Olympiasieg scheint den Seglern Recht zu geben.

Den größeren Anteil am Erfolg schreibt der Bootsbauer bescheiden dem Segler zu, doch er weiß: „Er kann nicht gewinnen, wenn er kein gutes Boot hat.“ Bei den Starbooten hängt in dieser Hinsicht einiges von der Konstruktion ab. Die mehr als hundert Jahre alte Klasse erlaubt Toleranzen von bis zu einem Zoll. „Ein guter Konstrukteur kann daraus eine Menge machen,“ meint der Bayer.

Das aktuelle Mader-Starboot, mit dem auch Percy und Simpson siegten, hat der armenisch-argentinische Konstrukteur Juan Kouyoumdjian entworfen. Der Yachtdesigner machte sich zuvor einen Namen mit erfolgreichen Entwürfen für das Volvo Ocean Race und den America’s Cup. Mit seinen Entwürfen gewannen 2005/06 ein niederländisches ABN-AMRO-Team und 2008/09 eine schwedische Ericsson-Crew die Regatten um die Welt.

Bei der BMW-Oracle-Kampagne, die im Frühjahr den America’s Cup mit einer futuristischen Kombination aus Trimaranrumpf und Flügelrigg gewannen, arbeitete der junge Konstrukteur im dreißigköpfigen Designteam mit. Daneben legt Leonhard Mader aber Wert auf das Detail, dass Kouyoumdjian selbst Starboot segelt. „Er hat ein Faible für die Klasse, das macht etwas aus,“ glaubt er.

Das Ergebnis der Leidenschaft ist in der Halle gegenüber dem Büro zu besichtigen. Dort beschlagen Mader und sein Sohn Andreas den neuen Star von Robert Scheidt, dem Weltranglistenersten in der Starbootklasse. Mit einem Maststummel und einem daran angebrachten Bandmaß prüft der Werftchef, ob die Mastspur, die er gerade montiert, sich auch genau mittschiffs befindet. „Die Segler veranstalten einen Wahnsinn,“ lacht Leonhard Mader, der selbst nicht segelt. „Die messen alles nach! Aber so, wie das Boot bei uns auf den Hänger kommt, kann er lossegeln, da passt alles.“

Der gute Ruf der Mader-Starboote gründet auf der Initiative von Leonhard Mader senior vor mehr als 30 Jahren. Mitte der 70er Jahre war die Werft gut im Geschäft mit der Tempest-Kieljolle, die damals als Nachfolgerin des Starboots galt. Bei den olympischen Segelwettbewerben 1976 stammten von 16 Tempests am Start alle bis auf eine aus Waging, erzählt Mader. Die 16. gehörte dem britischen Favoriten Alan Warren, der damit allerdings fürchterlich abstürzte. Direkt nach der letzten Wettfahrt kippte er publikumswirksam Benzin im Boot aus, steckte es an und versenkte es.

Nach den Olympischen Spielen 1976 nahmen der Weltseglerverband und das Internationale Olympische Komitee überraschend die Tempest aus dem Programm und den damals bereits 70 Jahre alten Star wieder rein. „A Wahnsinn, was da an Umsatz verloren gegangen ist,“ schüttelt der damalige Junior Leonhard Mader noch heute den Kopf. Kurzerhand reiste sein Vater in die USA zum damaligen Top-Starbootsegler und -bauer Bill Buchan und fragte, ob er seinen Riss in Lizenz herstellen könnte. Der erste Mader-Star war kaum fertig, da gewann der junge Dennis Conner 1977 damit die Weltmeisterschaft vor Kiel.

Seitdem reihen sich im inzwischen leicht angegilbten Gästebuch der Firma Mader mehr oder weniger bekannte Namen und Gesichter aneinander. Segler aus den Niederlanden, Spanien, den USA, Israel, Schweden, Polen, Brasilien, Großbritannien und vielen anderen Ländern danken der Werft für ihre Boote. Ein Dokument des gegenseitigen Respekts von erfolgreichen Seglern und erfahrenen Bootsbauern – über Jahrzehnte hinweg.

Der US-Amerikaner John Kostecki, Taktiker der BMW-Oracle-Kampagne, startete beispielsweise erfolgreich mit einem Mader-Star. Colin Beashel von der legendären australischen Crew, die 1983 erstmal den US-Amerikanern den Cup abjagte, ebenfalls. Fußballer Ulrich Hoeneß segelte in seiner Freizeit einen Mader-Zugvogel namens „Susi“.

Neben großen Namen von Seglern und Prominenten finden sich in Maders Gästebuch aber auch skurrile Geschichten wie die von Gary Smith, einem australischen FD-Segler. Für ihn sammelten die Einwohner der Insel Tasmanien erfolgreich Geld, damit er bei den Olympischen Spielen 1988 mit einem Mader-Boot an den Start gehen konnte.

Obwohl Mader vielen erfolgreichen Seglern ihre Boote liefert, reicht der Betrieb an seine frühere Stärke nicht heran. Die Nachfrage ist weitem nicht mehr so groß wie früher, bedauert der Chef. „Zu den besten Zeiten waren wir 22 Leute. Jetzt sind wir 10.“ Mader liefert Boote für einen eng umrissenen Markt: „Wir stellen reine Sportgeräte her. Nur ganz wenige Kunden kaufen wegen der Gaudi ein Boot von uns.“ Die vorgeschriebenen und notwendigen Anlagen wie Absaugung, Vakuumpumpen und Temperkammer schlagen sich in den Preisen nieder. Ein Blick auf die Limousinen und Geländewagen, die sich am Nachmittag auf dem Parkplatz der Werft einfinden, verrät einen gut betuchten, aber wohl begrenzten Kundenkreis.

In der Laminierhalle arbeiten Maders Mitarbeiter an einer Streamline. Vom Schwertkasten über den Sandwichkern bis zur letzten Lage nimmt die Rumpfproduktion vier Mann einen ganzen Nachmittag in Beschlag. Vor der Laminierhalle besäumt ein fünfter Rumpf und Deck eines Zugvogels, damit die Teile verbunden werden können.

In der ehemaligen Holzwerkstatt dagegen senkt sich Staub über die Hobel und Sägen in den Werkbänken. Seit fünf, sechs Jahren kommen in diesem Segment keine Aufträge mehr rein. Den Platz nutzt Mader jetzt als Winterlager oder für Reparaturen. Nur ausnahmsweise steht gerade wieder ein Korsar mit Holzdeck dort: Abziehen und neu lackieren.

Dabei war die Bootswerft Mader auch einmal eine gute Adresse für Holzbootsbau. Von Anfang an baute die Werft sowohl in Holz als auch in Kunststoff und war auf beiden Feldern innovativ. So wurde vor sechzig Jahren der erste Korsar aus formverleimtem Sperrholz in Waging gebaut. „Als Bub kriegt man das mit und merkt sich das“, erzählt Mader. Doch seitdem habe der Segelsport sich verändert, meint der Chef. „Heute ist alles Hightech geworden. Bis auf die Länge und Breite kann der Segler alles verstellen. Und das erwartet er auch von seinem Boot.“

Trotz dieser Umbrüche kann Mader optimistisch in die Zukunft schauen. Die Jahrzehnte an Erfahrung zahlen sich aus und die Erfolge seiner Kouyoumdjian-Stars sprechen sich herum. Die deutschen Starbootsegler Johannes Polgar und Marcus Koy starten inzwischen ebenfalls mit einem Mader-Boot – und wurden im Juni im italienischen Viareggio prompt mit dem Europameistertitel belohnt.

(Erschienen in segeln 9/2010)

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