Der Trick mit dem Knick

Kimmkanten hat ja jetzt jeder. Bei der RM 970 sind sie aber mehr als Mode. Die französische Werft Fora Marine baut Multiknickspanter aus Sperrholz.

Noch vor wenigen Jahren wäre die RM 970 deutlicher ins Auge gefallen mit ihren Knicks im Rumpf. Inzwischen haben so viele Werften die Kimmkanten aus der Racerszene übernommen, dass sie nichts Besonderes mehr sind. Daher muss man schon etwas genauer hinsehen, um zu erkennen, dass die RM 970 tatsächlich eine ganz andere Rumpfform aufweist als die meisten anderen modernen Yachten: Sie ist ein Multiknickspanter mit drei Kanten je Seite.

Bei der französischen Werft Fora Marine in Périgny, einem Vorort von La Rochelle, werden die Yachten seit eh und je in diesem Verfahren gebaut. Überlaminiert sind bei den RM-Yachten nur die Stöße zwischen den Platten, der Rest des Rumpfes wird mit Epoxidharz beschichtet und gespachtelt. Im Rumpf sitzt eine Bodengruppe aus Stahl, oben drauf ein Deck aus GFK-Sandwich. Ein großer Vorteil dieser Bauweise: Man hat kaum mehr mit Styrolausdünstungen zu tun.

Den Rücken frei zum Segeln

»Fast Ocean Sailing« sei mit ihren Booten möglich, verspricht Fora Marine. Der erste Eindruck an Deck entspricht den Erwartungen. Zwei Steuerräder sitzen außen an den Cockpitwänden, direkt hinter den Bänken. Sie bewegen eine Doppelruderanlage. Beides sind Optionen gegen Aufpreis. Standardmäßig verfügt die RM 970 über eine Pinnensteuerung und ein einzelnes Ruderblatt. Fußrasten sorgen in der Radversion für sicheren Stand bzw. sicheres Sitzen hoch oben im Heck. 

Der Traveller verläuft genau hinter den Bänken, so dass der Rudergänger in beiden Versionen der Steuerung jederzeit schnell Zugriff auf den Großtrimm hat. Die restlichen Trimmleinen und Fallen liegen auf dem Aufbau und sind auch bei Radsteuerung wegen des Durchgangs vom Rudergänger gut erreichbar. Die Genuawinschen sitzen auf kleinen Podesten am Kajütschott, die Crew im Cockpit hat dadurch im wahrsten Sinne des Wortes den Rücken frei zum Segeln. 

Ergonomisches Boot

Die ganze Ergonomie der RM 970 macht einen guten Eindruck, nur das Süll ist vielleicht etwas niedrig und die Sprayhood endet ziemlich weit vorn. In Frankreich herrscht anscheinend oft La-Paloma-Wetter. Vom Cockpit aus ist auch der Holepunkt für die Genua stufenlos verstellbar. Aus der Racerszene hat man sich die Schotführung mittels Ring und Beiholer anstelle von Schiene und Wagen abgeguckt. Weniger bewegliche Teile einzusetzen ist meistens eine gute Idee und in der Praxis funktioniert das auch. 

Der Schritt an Deck gelingt sicher, die Handläufe sitzen schön weit achtern, direkt neben der Sprayhood, so dass man sie nötigenfalls schon in der Hand haben kann, bevor man an Deck steigt. Als nächstes kann man sich an den Wanten festhalten, auch hier ist der Durchgang bequem und das Deck schön frei. Um mit Fock zu segeln, gibt es ein abnehmbares Babystag, das Rigg wird dann mit zwei Backstagen gesichert, die ansonsten an den Püttingen der Unterwanten angeschlagen sind.

Ungewöhnlicher Stauraum

Der Stauraum an Deck ist auf der RM 970 etwas ungewöhnlich verteilt. Es gibt eine Backskiste, eine Ankerkiste und Raum für die Rettungsinsel im Heck. Dazu kommen vier Schwalbennester. Die Backskiste ist zwar schön tief, aber sie sitzt ganz achtern, direkt neben der Rettungsinsel. Zwei der Schwalbennester sitzen ebenfalls achtern in den Bänken. Mit anderen Worten: Für die Crew und das, was sie so tagsüber zum Segeln braucht, gibt es ganze zwei Schwalbennester in den Podesten am Kajütschott.

Vielleicht ist das etwas knapp. In jedem Fall erfordert es gute Planung. Die Ankerkiste dagegen ist ein echtes Plus. Ihre Rückwand ist als Kollisionsschott ausgeführt. So ist die Kiste nicht nur anständig groß, so dass sie beispielsweise auch Fender aufnehmen kann, sondern sie bietet auch ein Mindestmaß an Schutz. So etwas ist in Zeiten, wo jeder Quadratzentimeter unter Deck ausgenutzt wird, nicht mehr oft zu sehen. Außerdem bedeutet das, dass das Fußende der Vorschiffskoje recht breit ist.

Schnelle und kursstabile Yacht

Am Testtag weht der Wind vor La Rochelle mit rund 10 Knoten, in Böen auch 12 Knoten, aus West. Nichts für Geschwindigkeitsrekorde, aber genug für einen Eindruck. Und der ist gut. Schon bei den ersten Schlägen unter Genua wird deutlich, dass die RM 970 eine schnelle Yacht ist. Außerdem ist sie auffällig kursstabil. Auch das ist ein großer Vorteil der Multiknickspantbauweise. Aber das Boot ist insgesamt schön ausbalanciert und liegt ausgewogen auf dem Ruder, zeigt sich nur ganz leicht luvgierig.

Ohne Fock an Bord sind Aussagen über den Wendewinkel schwer zu treffen. Zudem liefern die Instrumente widersprüchliche Daten. Nach Windex segelt die Yacht mit Genua einen Winkel von ungefähr 50 Grad zu scheinbaren Wind. Nach GPS hat sie aber einen Wendewinkel von 100 Grad. Das passt nicht zusammen. Vielleicht sind die Instrumente nicht vernünftig justiert. Klar ist eins: Die Genua ist ziemlich weit außen geschotet, wenn man wirklich Höhe kneifen muss, braucht man die Fock.

Kimmkiel für Tidenreviere

So oder so macht es großen Spaß, die RM 970 zu segeln. Sie lässt sich mit leichter Hand steuern, reagiert schnell auf Kursänderungen und steckt die vereinzelten kleinen Böen locker weg. Mit genügend freiem Seeraum kommt der Gennaker zum Einsatz. Das Code-5-Segel ist für relativ spitze Kurse ausgelegt, etwas höher als Halbwind; etwas tiefer als Halbwind zieht es schon nicht mehr. So erreicht die Yacht Geschwindigkeiten zwischen 6 und 7 Knoten bei Wind knapp über 10 Knoten.

Die Höchstgeschwindigkeit an diesem Tag liegt bei 7 Knoten bei 12 Knoten Wind unter Gennaker. Das ist ordentlich, die theoretische Rumpfgeschwindigkeit liegt bei 7,27 Knoten und was den Wind angeht, ist das Limit weit entfernt. Fora Marine bietet zwei Kielvarianten an: Einen tiefen Mittelkiel mit fast 1,98 Metern Tiefgang und eine Kimmkielvariante mit 1,96 Metern. Damit ist die RM 970 in einer Version auch für Tidenreviere und tauglich.

Unter Deck hell und offen

Als Motor verfügt das Boot standardmäßig über einen Volvo-Motor mit 20 PS. Optional sind 30 PS drin. Auf dem Standardboot strömt der Saildrive das Ruderblatt direkt an, aber auch in der Version mit Doppelruder lässt sich das Boot gut auf kleinem Raum manövrieren. Gashebel und Panel sind in der Version mit Radsteuerung getrennt, damit der Rudergänger den Hebel in Reichweite hat. Bei Pinnensteuerung wandert der Hebel nach vorn zum Panel.

Unter Deck zeigt sich die RM 970 hell, offen und mit viel Platz. Der Salon geht direkt ins Vorschiff über. Das bringt natürlich einen gewissen Verzicht auf Privatsphäre mit sich, wobei das Vorschiff optional mit Textilien abgetrennt werden kann. Die Oberflächen sind hochwertig – das GFK-Deck wird im Vakuumverfahren hergestellt – und dank des überwiegend verwendeten Sperrholzes bleibt der typische Geruch nach neuem Schiff aus. Das Design ist minimalistisch, fast skandinavisch, mit schönen Holzakzenten.

Praktische Details

An der grundlegenden Aufteilung unter Deck ist wenig Überraschendes zu finden: an Steuerbord neben dem Niedergang befindet sich die Navigationsecke, an Backbord gegenüber die Pantry, L-förmig angeordnet und Richtung Salon orientiert. Achtern an Steuerbord liegt die Nasszelle mit angeschlossenem Stau- und Motorraum, gegenüber an Backbord die Achterkabine. Zusätzlich zu den großen Fensterflächen im Aufbau spenden zwei Rumpffenster im Salon Licht.

Kleine Details hier und da sorgen auf der RM 970 im Rahmen des schönen Designs für Praxistauglichkeit. So sind zum Beispiel die Polster am Navigationstisch standardmäßig aus wasserfestem Material, sprich: Man kann sich auch im nassen Ölzeug hinsetzen. Ein kleiner Minuspunkt ist vielleicht das fehlende Bücherregal in der Ecke. Aber dafür ist es immerhin ein echter Navigationstisch mit Fußreling zum Abstützen. Und an Stauraum für den Kleinkram fehlt es auch nicht.

Genug Platz für Segelsäcke

Ein anderes kleines Detail: In der Pantry ist der Deckel für den Mülleimer in die Arbeitsfläche eingelassen. Auch keine ganz neue Erfindung, aber dass die Werft auf diese Lösung zurückgreift, zeigt wieder, dass sich hier jemand Gedanken darüber gemacht hat, wie es sich auf dem Boot wohl lebt. Stauraum ist rundum in Ablagen und in Fächern hinter bzw. unter den Polstern vorgesehen. Schapps und Schränke gibt es nur in der Pantry und in der Achterkabine.

Die Nasszelle auf der RM 970 ist nichts Besonderes, aber der dahinter liegende Stauraum ist wieder gut durchdacht. Und er kann in gewisser Weise den oben erwähnten Mangel an Stauraum im Cockpit ausgleichen. Von hier aus ist der Motor unter dem Cockpit zugänglich, Tanks können inspiziert werden und es gibt genug Platz für Werkzeugkisten, ein gefaltetes Dingi, Segelsäcke und was ansonsten verstaut werden muss. Längsschotten sorgen für Ordnung.

Fazit: Spaß am Segeln

Spaß am Segeln – das strahlt die RM 970 in erster Linie aus. Dazu Ergonomie an Deck und nüchterne Funktionalität unter Deck. Wer eine schnelle fahrtentaugliche Yacht mit Option für Tidenreviere sucht, könnte hier fündig werden. Viele Details zeugen von der Erfahrung der Werft nicht nur mit dem Bau, sondern auch mit dem Segeln von Booten.

Der Innenausbau zielt auf Paare mit gelegentlichen Gästen oder Familien mit Kindern. Wer ins Vorschiff einzieht, muss mit Sitzhöhe und ohne Schränke auskommen. Beim Nachwuchs kommt dieser Raum – mit optionalem Vorhang abgetrennt – sicher gut an, bei hotelverwöhnten Schwiegereltern vielleicht weniger.

Die Achterkabine bietet alles, was Eigner brauchen: Stauraum, Privatsphäre, Rückzugsmöglichkeit. Aber auch wenn der Ausbau qualitativ wirklich hochwertig ist, gilt: Sie ist kein Hotelzimmer, sondern eine Kabine. In erster Linie will die RM 970 gesegelt werden und nicht bewohnt.

Erschienen in segeln 12/2017.

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