Die Greetchen-Frage

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Klassisch oder modern? Für viele eine Grundsatzentscheidung, aber nicht für Jo Vierbaum. Der junge Bootsbauer hat den vermeintlichen Widerspruch elegant aufgelöst

„Warum auf schnelles Segeln verzichten, wenn man klassische Linien will?“ fragte sich Jo Vierbaum während seiner Ausbildung zum Bootsbauer in Arnis an der Schlei. Und griff in seiner Freizeit zu Bleistift, Papier und Straklatte, um den Versuch zu unternehmen, beides zu verbinden. Das war vor sieben Jahren. Das Ergebnis seiner Arbeit taufte er im letzten Sommer nach sechs Jahren Bauzeit auf den Namen „Greetchen“.

Auf den ersten Blick ähneln die Linien seines Holzbootes in der Tat jenen von klassischen Lotsenkuttern: senkrechter Steven, Klüverbaum, flacher Aufbau und breites Heck. Der entscheidende Unterscheid versteckt sich unter Wasser. Statt S-Spant und Langkiel hat Vierbaum „Greetchen“ Rundspant und Flossenkiel verpasst. An dem schmalen Stahlprofil hängt in zwei Metern Tiefe eine tonnenschwere Bombe. Das Ruderblatt steht dementsprechend frei.

Den extremen modernen Lateralplan würde man eher bei einer Rennyacht erwarten, aber nach Vierbaums Philosophie passt er auch zur Kutter-Optik über Wasser. Beim Probeschlag vor Schleimünde zeigt sich, dass die Idee des 26-Jährigen aufgeht. Bei 4 Windstärken, in Böen 6, läuft „Greetchen“ nur mit Fock und gerefftem Groß 8 Knoten. Das Boot könnte den Klüver noch tragen, meint Vierbaum, aber für eine kleine Crew würde das Kreuzen damit nur unnötig anstrengend.

Am Rigg fällt neben dem Klüverbaum die Spreizgaffel ins Auge. Den hölzernen Gabelbaum hat Vierbaum sich von Zweimastern abgeschaut, um die klassische Optik mit einem vernünftigem Segelprofil zu verbinden. Ursprünglich sollte „Greetchen“ eine einfache Gaffel bekommen, erzählt er, aber dann wäre ein Toppsegel nötig gewesen. Die für eine kleine Crew umständliche Bedienung wollte der Eigner sich ersparen. Ein Hochsegel mit Latten wiederum hätte seiner Ansicht nach nicht zu dem Boot gepasst.

Das Spreizgaffelrigg ermöglicht nun ein ausgestelltes Hochsegel, mutet klassisch an und liefert guten Vortrieb. Auf dem Jungferntörn nach Schweden im Spätsommer brachten Jo Vierbaum und seine Freundin Beeke Jessen „Greetchen“ damit des öfteren auf 9 Knoten und mehr. „Ganz gute Reisegeschwindigkeit“, findet Vierbaum. Auch was die Bedienung angeht, ist er mit dem Rigg zufrieden: „Wenn die Segel erstmal stehen, hat man wenig Gerödel. Es ist nicht so, dass man dauernd an der Schot zupfen muss.“

Auch der bewegliche Klüverbaum trägt einen großen Teil zum Komfort des Riggs bei. Zum Setzen des Klüvers braucht sich niemand auf der Spiere festzuklammern, sondern der Baum wird einfach eingeholt und das zweite Vorsegel direkt vor der Fock angeschlagen. Auch die Hafenmanöver werden so erleichtert – eine Bedingung von Vierbaums Partnerin. Immerhin ragt der Baum 2,30 Meter über den 9 Meter langen Rumpf hinaus.

Bequem ist die Arbeit auf dem Vorschiff aber trotz des beweglichen Bugspriets nicht, hat Jo Vierbaum festgestellt. Eher nass. „Trotz allem ist ‘Greetchen’ immer noch ein kleines Boot. Man muss recht früh das Ölzeug anziehen.“ Dazu trägt allerdings nicht nur die Länge, sondern auch das niedrige Freibord bei. Doch dafür haben sich Vierbaum und Jessen bewusst entschieden. „Wir wollten keinen Dampfer, sondern Jollenfeeling“, fasst sie das Konzept zusammen.

Routiniert steuert die 27-Jährige „Greetchen“ über die kurzen Ostseewellen. Dadurch, dass das Vorschiff recht schmal ist, fällt das Boot für einen Kurzkieler verhältnismäßig sanft in die Wellentäler. Jessen und ihr Freund segeln beide von klein auf. Obwohl Vierbaum aus der Nähe von Köln stammt, kam für ihn nie in Frage, etwas anderes zu werden als Bootsbauer. Seit er mit 14 sein erstes Betriebspraktikum an der Schlei machte, verbrachte er seine Urlaube meist auf der Werft. Inzwischen spricht er schon einen ebenso breiten norddeutschen Akzent wie seine Kollegen.

Als aktive Seglerin hat Beeke Jessen den Bau von Anfang an aktiv begleitet und ist daher auch gut in den Bootsbau hineingewachsen, wie sie sagt. Zu Beginn des Bauprojekt steckte sie noch in der Ausbildung zur Zahntechnikerin und investierte ihre tägliche Freizeit ebenso in den Bau wie ihr Freund Jo. Als sie zum Studium der Zahnmedizin nach Kiel umzog, reduzierten sich die Arbeitseinsätze zwar auf Wochenenden und Semesterferien, aber das Paar ließ nicht dadurch nicht aus der Ruhe bringen.

„Ich habe immer gesagt, das Boot ist fertig, wenn es fertig ist“, erzählt Vierbaum. „Mir macht das Zeichnen und Bauen ja auch Spaß. Ich habe nie die Stunden gezählt.“ Das sei oft die erste Frage gewesen, wenn andere etwas über das Boot erfahren wollten. „Aber genau das macht doch den Reiz am Selbstbau aus, dass man sich nicht rechtfertigen muss. Deswegen habe ich auch nie gedacht, das wird nichts.“

Hilfreich war sicherlich die Unterstützung durch den Betrieb. Nach der Hälfte seiner Lehrzeit hatte Vierbaum aus Arnis nach Kappeln in die Bootswerft Stapelfeldt gewechselt, wo er seine Idee Schritt für Schritt in die Tat umsetzte. Der junge Bootsbauer wurde zu einer Art Ziehsohn des Inhabers Willi Stapelfeldt, selbst kinderloser Witwer. Inzwischen leitet Jo Vierbaum bei Stapelfeldt das Geschäft, während der Senior mit fast 70 Jahren weiterhin täglich mitarbeitet. Vierbaum möchte einen „sachten Übergang“: „Die Werft ist Willis Familie.“

Mit Hilfe der Werft, die Platz und Maschinen stellte, bauten Vierbaum und Jessen in den sechs Jahren Bauzeit fast alles am Boot selbst, vom Holzrumpf bis hin zu Kohlefaserbauteilen. „Greetchen“ ist komplett tropenholzfrei. Der Aufbau besteht aus Eiche, das Deck aus Oregon-Pine und der doppelkarweel geplankte Rumpf aus Lärche. Er stammt „aus dem deutschen Wald“ wie Vierbaum mit leicht ironischem Ton beschreibt. „Schön hell“, denkt der Bootsbauer, „nicht immer dieses dunkle Mahagoni“.

Auch die Schlosserarbeiten wie den Vorstevenbeschlag hat der 26-Jährige selbst erledigt. Die aufwändigsten Nirobauteile sind nicht einmal sichtbar: Hinter einem niedrigen Schanzkleid verstecken sich Relingsfüße, von denen keiner dem anderen gleicht. Derzeit sind sie mit einem Schandeckel verkleidet. Wenn jedoch Bedarf für einen Seezaun besteht, werden einfach Löcher in den Deckel gebohrt und Relingstützen durchgesteckt. Vielleicht hat man in Zukunft ja Kinder an Bord…

Die Verbindung von Tradition und Moderne ist „Greetchens“ roter Faden. Das Rigg ist mit Tauwerk verstagt anstatt mit Stahl. An die Stelle der schweren Wantenspanner treten Taljereeps, Blöcke werden durch Ringe ersetzt. Alles etwas einfacher, dadurch weniger anfällig und im Prinzip wie vor 100 Jahren – nur mit High-Tech-Materialien. Das Tauwerk ist aus Dyneema und die Ringe aus Kohlekomposit. Der Holzmast hat einen Kern aus Kohlefaser, die Salinge dagegen sind aus Glasfaser. Auch das ein Versuch. „Ich wollte nicht gleich Kohle verbauen, das kostet ja auch alles Geld“, erläutert Vierbaum.

Details, die zugleich durchdacht und experimentell sind, finden sich an vielen Stellen. Der Poller auf dem Vorschiff beispielsweise hat noch zwei weitere Funktionen als Zugang zum Kettenkasten und Lüftung der Kajüte. Klar, dass nicht alle derartigen Versuche sofort voll ins Schwarze treffen. Da „Greetchen“ recht nass segelt, ist der Kettenkasten trotz seines Ablaufs manchmal ziemlich voll, meint Vierbaum. Die Folge: Feuchtigkeit in der Kajüte. Das Schott zwischen Kettenkasten und Kajüte müsste etwas höher sein, sagt er.

Auf der Schwelle im Niedergang sitzt es sich bequem am Kartentisch. Wenn aber Wasser überkommt und am Aufbau entlang nach achtern läuft, rinnt es zuweilen über die Schwelle in die Kajüte. Es sollte mit Absicht keine Leiste auf der Schwelle sein, damit man auf ihr sitzen kann, erklärt Vierbaum. Aber vielleicht wird in Zukunft ein kleines Steckschott nachgerüstet. „Es ist halt nicht alles ausgereift, das ist so bei Versuchen.“

Abgesehen von solchen Schönheitsfehlern kam das Boot in etwa so heraus, wie er es sich vorgestellt hat, sagt Vierbaum im Rückblick. Kein professioneller Konstrukteur hat jemals einen Blick auf die Zeichnungen geworden oder eine Berechnung angestellt, obwohl er einige um eine Stellungnahme gebeten hatte. „Die hatten wohl kein Interesse“, zuckt er mit den Achseln. Einzig Nils Springer, Segelmacher in Grödersby und Eigner eines vergleichbaren, wenn auch größeren Bootes, teilte seine Erfahrungen bereitwillig.

Auch am Antrieb wird weiter gearbeitet. Da für einen Diesel kein Platz war, baute Vierbaum einen Elektromotor als Hilfsmotor für den Hafen ein. Mit einem Wellengenerator macht die Anlage sich beim Segeln selbst neuen Strom. Dafür braucht „Greetchen“ allerdings einen Festpropeller, der sich nur mäßig mit dem schnellem Unterwasserschiff verträgt.

Die entsprechenden schlauen Kommentare mochte der Bootsbauer nach einiger Zeit nicht mehr hören, erzählt er, aber ein Festpropeller, „das ist nah dran, eine Pütz ins Wasser zu schmeißen“, gibt er offen zu. Im Sommer im Kattegat blieb die Logge bei 9,9 Knoten stehen. Ohne den bremsenden Propeller „wäre da sicher noch was gegangen“, glaubt der Eigner.

Schon im Urlaub haben er und seine Partnerin begonnen, über einen Generator nachzudenken. Auch aus anderen Gründen. „Wenn man nur in den Hafen muss, weil man Strom braucht, kann das nerven“, findet er. „Wir ankern lieber.“ Mit dem Generator könnten die beiden unabhängiger werden und außerdem auf einen passenderen Faltpropeller umrüsten.

(Erschienen in segeln 4/2011)

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