Edel und Schnell

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Formverleimte Holzboote sind die Spezialität von Bopp und Dietrich. Mit verschiedenen Projekten erfindet sich die Werft am Steinhuder Meer sich immer wieder neu

Jetzt geht alles sehr schnell. Die drei Bootsbauer müssen den Leim auf dem kieloben daliegenden Bootsrumpf verteilen, bevor die Masse anfängt zu kochen. Epoxidharz reagiert unter Wärmeentwicklung. Und Wärme beschleunigt wiederum die chemische Reaktion. Wer zu langsam ist, dem geliert die Mischung noch im Topf. Aber dieses Team ist eingespielt: Einer läuft über den Kiel und kippt den Eimer aus, die zweite verteilt den Leim mit einer großen Fellrolle und der dritte zieht ihn mit dem Zahnspachtel auf den dünnen Furnieren aus.

Auf der Bootswerft Bopp und Dietrich am Steinhuder Meer entsteht ein exklusiver Einzelbau. Die Konstruktion stammt von dem bayerischen Designer Klaus Roeder: ein überdimensionales, aber einfaches Cat-Boot. „Die Kunden werden immer älter“, erklärt Werftchef Christian Dietrich, „und sie möchten es immer bequemer. Dieser Kunde wollte ein Boot mit einem Mast, einem Segel, einer Schot, einer Winsch und zwei Klemmen.“ Dazu einen Cockpittisch mit vier Plätzen zum Skatspielen und eine Kühlbox für das Bier. Das waren die Vorgaben.

Und die setzt Dietrichs Team nun in die Tat um. Der Leim ist verteilt, es schaltet herunter: Von sehr schnell auf schnell. Die nächste Schicht der Außenhaut wird befestigt. Der Bootsbauer hält das dünne Furnier an die Oberkante Deck. Es knallt zweimal, dann ist es mit Tackernägeln fixiert. Er biegt das Furnier parallel zu den anderen auf den Rumpf. Peng, Peng, dann ist es auch am Kiel fest. Furnier für Furnier wächst die Schicht, pausenlos knallt der Drucklufttacker. Am Schluss rollen die drei die Vakuumfolie aus, befestigen sie und werfen die Pumpe an, um den nötigen Anpressdruck zu erzeugen.

Für formverleimte Holzrümpfe ist Bopp und Dietrich eine der ersten Adressen in Deutschland. Dünne Holzfurniere werden bei dieser Bauweise längs und diagonal übereinander verklebt. Die Rümpfe werden so steif, dass sie mit deutlich weniger Stringern, Spanten und Wrangen auskommen als ein traditionell geplankter Rumpf. Innen und außen arbeitet die Werft mit Mahagoni. Das rotbraune Edelholz ist für die meisten Kunden immer noch der Inbegriff des Bootsbauholzes, obwohl die Rümpfe genauso gut aus einheimischen Nadelhölzern formverleimt werden könnten.

Der gute Ruf der Werft geht vor allem auf ihre erfolgreichen formverleimten 20er Jollenkreuzer zurück. Los ging es damit vor 25 Jahren: Matthias Bopp und Christian Dietrich arbeiten auf der traditionsreichen Werft Linnekuhl, ebenfalls am Steinhuder Meer. Der Betrieb stellt erfolgreiche Regattajollen her. Die beiden jungen Bootsbauer entscheiden sich aber für die Selbstständigkeit. Am Anfang bauen sie ebenfalls Jollen, aber bald folgen die ersten 20er.

Kurz vorher hat sich bereits eine Gruppe Segelmacher von ihrem Arbeitgeber Beilken getrennt. Wie Bopp und Dietrich muss die Firma CO-Segel sich nach und nach einen eigene Kundenstamm aufbauen. Die Betriebe kooperieren, und die Kombination aus CO-Segeln und B&D-Booten dominiert bald die Regattaszene. In 15 Jahren zwischen 1986 und 2006 steuerten die jeweiligen Deutschen Meister einen 20er von Bopp und Dietrich.

In drei Fällen hieß der Steuermann: Karol Jablonski. Neben der Zusammenarbeit mit CO-Segel der zweite glückliche Zufall in der Werftgeschichte. In den 80er Jahren stellten sich am Steinhuder Meer drei polnische Spätaussiedler vor, die in ihrem Heimat zum Segelkader gehört hatten und nun in ihrer neuen Heimat versuchten, Fuß zu fassen. Bevor Jablonski zu einem international erfolgreichen Steuermann wurde, baute er bei Bopp und Dietrich 20er und steuerte sie zum Sieg. „Er hat geholfen, uns nach vorn zu bringen“, erinnert sich Dietrich.

Der Jollenkreuzer in der Reparaturhalle dagegen hat schon lange keine Regattabahn mehr gesehen. Anstelle des modernen steilen und kurzen Aufbaus wölbt sich hier das halbe Ei des klassischen Jollenkreuzers weiß über dem Deck. Stumpf wirkt die Fläche. Sie ist angeschliffen, denn das Boot wird neu lackiert. Penibel klebt der Bootsbauer das Vorluk mit Folie ab, damit nichts in die Kajüte tropft. Auf der Hobelbank nebenan liegt der demontierte Lukendeckel, daneben das Ruderblatt, und wartet auf den Zwischenschliff.

Reparaturaufträge gehören eben auch zum Werftalltag. Von Titeln und Preisen allein kann der Betrieb nicht leben. Insbesondere, seitdem die 20er-Szene in die Krise geraten ist. Im letzten Jahr wurde der Klasse mangels Masse der Meisterschaftsstatus aberkannt. Werftchef Dietrich findet das traurig, verfolgt die 20er aber inzwischen eher als Zuschauer. Ein weiterer Glücksfall sorgt dafür, dass seine Firma den damit verbundenen Auftragseinbruch wegstecken kann: Vor knapp zehn Jahren trat Markus Glas, Werftbesitzer vom Starnberger See, mit einem Angebot an die Werft heran.

Glas hatte gemeinsam mit dem Konstrukteur Klaus Roeder in den 90er Jahren eine neue Version des L-Bootes, einer alten deutschen Grenzmaßklasse, entworfen. Nachdem sich die ersten in Leistenbauweise hergestellten Boote gut verkauft hatten, entstand eine solche Nachfrage, dass die Werft nach einem Weg suchte, die Stückzahl zu steigern. Glas kam auf den Gedanken, die Rümpfe bei Profis formverleimen zu lassen und selbst auszubauen. Inzwischen hat Christian Dietrich gut 50 Rümpfe für seinen bayerischen Kollegen gebaut.

So gerne, wie der Bootsbaumeister seine Expertise im modernen Holzbootsbau zur Verfügung stellt, so ungern lässt er sich in die Karten sehen, wenn es um die Details geht. Mit Vakuumtechnik entstehen in Steinhude neben Holzrümpfen auch hochmoderne Kohlefasermasten. Doch wenn die gebaut werden, sind nicht einmal die eigenen Mitarbeiter dabei. Nur ein Bootsbaumeister im Ruhestand, mit dem Dietrich sein Verfahren ausgetüftelt hat. „Wir haben viel Lehrgeld bezahlt, aber jetzt glauben wir, dass wir das ganz gut können“, untertreibt er.

Mit all den Projekten ist die Firma gut ausgelastet, aber ausbauen möchte Christian Dietrich seinen Betrieb nicht. Als Bopp und Dietrich anfingen, gab es neben ihnen noch zwei Lehrlinge. Heute arbeiten drei Gesellen und drei Lehrlinge auf der Werft. Bopp ist 2003 ausgestiegen. Dazu kommen ein Tischler und besagter Bootsbaumeister im Ruhestand als Teilzeitkräfte. Weiteres Wachstum würde die Arbeit schwerer überschaubar machen. Das Mehr an Stress möchte Dietrich sich lieber sparen. So hat er Zeit, an neuen Projekten zu feilen.

Zum Beispiel an seinem Elektroboot. Die rückläufigen Bootszahlen am Steinhuder Meer und die Tendenz zur Überalterung im Wassersport führten ihn dazu, über Motorboote nachzudenken. Doch auf dem Steinhuder Meer sind Verbrennungsmotoren verboten und Elektromotoren auf 10 PS beschränkt. Es musste also ein Elektroboot her, das trotzdem attraktiv ist. „Die Beschränkungen machen uns das Leben ganz schön schwer“, findet Christian Dietrich. Dennoch liegt der erste Prototyp – 6,50 Meter lang – liegt schon am Werftsteg. Optisch folgt es den klassischen Autobooten.

Das nächste Boot soll dann die vorgeschriebenen Grenzmaße von 7,60 Meter Länge und 2,50 Meter Breite voll ausschöpfen. Das größte Problem der Elektroboote sieht Dietrich bei den Batterien. Er hat eine Lösung gefunden, indem er Lithiumakkus aus China direkt importiert. Generell findet er die Preise zu hoch, aber er ist zuversichtlich: „E-Antriebe sind ein Zukunftsthema. Das betrifft schließlich auch die Automobilindustrie. Wenn die richtig einsteigt, dann wird sich die Entwicklung beschleunigen und die Preise werden nicht immer so teuer bleiben.“ Möglicherweise wird dann ein Elektroboot der neue Verkaufsschlager aus dem Hause Bopp und Dietrich.

(Erschienen in segeln 2/2012)

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