Ferien mit Holz und Hobel

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Laien können Boote bauen. Meint Ursula Latus, die eine Bootsbau- und Taklerschule an der Ostsee betreibt. Ein Schüler aus Hamburg und ein Kfz-Mechaniker aus Niedersachsen haben es ausprobiert

Noch sind die Boote nichts als ein Wunsch, ein Haufen Holz und ein paar Linien. In wenigen Tagen sollen daraus zwei Optimisten und zwei Kanus entstehen. Das jedenfalls haben die sechs Schülerinnen und Schüler des Boot-Workshops in Peenemünde sich vorgenommen.

Die hohen Fenster in dem roten Backsteingemäuer lassen viel Licht in die Werkstatt fallen. Auf dem warmen Boden richten sich zwei Hunde ein, während die Bootsbauer in spe sich langsam mit ihren Aufgaben vertraut machen. Zwei Paare aus Berlin haben es auf die Paddelboote abgesehen, an den Dingis arbeiten zwei Norddeutsche.

Uwe Pawelzik aus Niedersachsen ist in Begleitung von Frau, Schwiegertochter und Enkelin angereist. Der Opti ist für das Kind gedacht. Bis er wirklich zum Einsatz kommt, wird es noch eine Weile dauern: Das Mädchen ist erst ein Jahr alt. „Mit dem Traum vom eigenen Boot hat es leider nicht geklappt, aber die Enkelin kann jetzt in eins reinwachsen“, lacht Pawelzik.

Handwerkliche Erfahrung bringt der dunkle Niedersachse mit. Als Jugendlicher hat er Kfz-Mechaniker gelernt, dann war er lange in der Glasindustrie tätig. Heute arbeitet er wieder an Fahrzeugen, in der Lkw-Werkstatt eines Freundes. „Holz ist ein faszinierender Werkstoff“, findet Pawelzik. „Da kann man nicht so einfach was anschweißen wie bei Metall.“

Die zweite Jolle baut Mattes Weigelt aus Hamburg. Zwei kleine Brüder und die Mutter schauen ihm dabei über de Schulter. Mattes segelt seit vier Jahren Opti und hat inzwischen auch ein eigenes, einigermaßen konkurrenzfähiges Boot. Er baut die Jolle als Teil einer Jahresarbeit im Rahmen seiner Schulausbildung. Der zweite Teil besteht darin, das passende Segel zu nähen.

In der Schule hat Mattes zwar Werkunterricht, aber mit Booten hat er dort noch keine Erfahrung gesammelt. Dort wird eher geschnitzt oder mit Ton gearbeitet. Den fertigen Holzopti will der blonde Teenager für einen guten Zweck abgeben. Oder verkaufen. Das weiß er noch nicht so genau.

Auf den Werkbänken steht für jeden Bau eine Werkzeugkiste bereit. Ein paar Böcke sollen als Helling, als Gerüst für den Bootsbau dienen, aber darauf ist noch nicht viel zu sehen. Auf Mattes Weigelts Helling liegt schon etwas zugeschnittenes Holz, Uwe Pawelziks Bauplatz ist weitgehend leer. Er hat einen Sonderwunsch: das Boot aus Mahagoni-Sperrholz bauen. Kostet extra, ist aber kein Problem.

Los geht es damit, das Holz für die beiden Spiegelrahmen anzupassen und zu verleimen. Bug- und Heckspiegel hat Kursleiterin Ursula Latus auf Sperrholz aufgerissen. Diese Maße müssen nun übertragen werden. Schon stellen sich erste Fragen: Die Rahmenhölzer sind grob zugeschnitten – aber wie werden sie nun schiffig rund? „Hier lerne ich auch noch neue Tricks“, freut sich Pawelzik, nach dem Latus ihm gezeigt hat, wie man mit einer dünnen Straklatte aus Holz und ein paar Gewichten zum Festhalten eine Kurve anreißt.

Während der Niedersachse sägt und klebt, erklärt die Bootsbaumeisterin Mattes die Handgriffe. Gleichzeitig wollen die Kanubauer etwas von ihr. Sie kämpfen mit den Mallspanten, die der Außenhaut aus Holzleisten die Form geben sollen. Den ganzen Nachmittag saust die Frau mit den grau melierten Locken von Helling zu Helling, erklärt hier etwas, führt dort ein Werkzeug vor. „Der erste Tag ist immer der härteste“, stöhnt sie.

Trotz Hochsaison auf Usedom bleibt es den Tag über erstaunlich ruhig auf dem Werftgelände. Der Betrieb liegt zwar im Schatten des ehemaligen Kraftwerks der Heeresversuchsanstalt, das heute ein Museum beherbergt. Aber auf dessen Parkplatz bleiben die meisten Tagesausflügler hängen. In den äußersten Norden der Insel verirren sich nur wenige. Und über Nacht schon gar nicht.

Wenige Minuten zu Fuß entfernt lädt ein Sandstrand an der Mündung des Peenestroms zum Feierabendbier ein. Leider pflügen ein paar Einheimische die Dünen mit ihren Quads um. Aber es gibt eine Alternative: Die Badestrände an der Ostseeküste. Tagsüber gut frequentiert, sind sie inzwischen so gut wie leer. Gute Voraussetzungen, um sich in aller Ruhe von Holzstaub und Schweiß zu befreien.

Voll motiviert betreten die Teilnehmer am nächsten Morgen fünf Minuten vor der Zeit die Werkstatt. Die Spiegelrahmen sind ausgehärtet, die Handwerker machen weiter. Mitunter etwas zu schnell: Laut kreischt die Stichsäge, und Uwe Pawelzik hat das waagerechte Bodenstück des Mittelspants zu kurz abgesägt. Eigentlich läuft es von Bordwand zu Bordwand und überlappt dort mit den Seitenteilen. Nun muss es stumpf mit ihnen verklebt werden. „Macht nichts“, sagt Ursula Latus, „doppeln wir an den Stößen einfach auf.“

Bootsbau ist eben für alle neu, ob Schüler oder Kfz-Mechaniker. Die fehlende Routine gleicht die Meisterin aus. Sie weiß genau, wo sie einmal trocken mit dem Hammer zuhauen und wo sie welche Zwinge kurz lösen muss, damit am Ende doch alles passt. Bald stehen Spiegelrahmen und Mittelspant auf der Helling und lassen schon Länge und Breite des fertigen Optis erahnen.

Latus ist seit 2006 selbstständig. Nachdem sie 1998 in Berlin ausgelernt hatte, arbeitete sie vor allem auf Traditionsseglern. Sie sammelte viel Erfahrung mit Riggs, unter anderem als Bootsfrau auf Arved Fuchs’ Expeditionsschiff „Dagmar Aaen“, und kam schließlich auf die Idee, Takelkurse anzubieten. Bootsbau-Workshops sollten das Programm ergänzen. Doch welche Boote sollte sie in der kurzen Zeit bauen lassen, die ein Kurs bietet?

Latus entschied sich, Kurse für Sperrholz-Kajaks anzubieten. Schnell und einfach zu bauen, ermöglichen sie den Kursteilnehmern ein sicheres Erfolgserlebnis. Allerdings hatte sie bis dahin zu den kleinen Paddelbooten keinerlei Bezug. „Ich habe erst nach dem ersten Kajak-Kurs das Paddeln gelernt“, lacht sie. Inzwischen nutzt sie ihr eigenes Kajak gern und oft. Mit der Zeit kamen Nachfragen nach Paddeln und Kanus, schließlich auch nach Dingis und Optis. Inzwischen laufen in Peenemünde den Sommer über fast nur Workshops, kaum regulärer Werftbetrieb.

Klar sei das stressig, bestätigt die Werftchefin, „aber es macht Spaß, mit so vielen verschiedenen Menschen zusammenzuarbeiten.“ Zu den Kajak-Workshops kommen eher einzelne Erwachsene. Familien bauen öfter Dingis und Kanus. Meistens bauen die Eltern mit ihren Kindern gemeinsam. Mattes’ Opti ist der erste Versuch, einen Jugendlichen alleine bauen zu lassen – das ist Voraussetzung dafür, dass er sein Boot als Jahresarbeit anerkannt bekommt.

Mittagspause unter der Pergola. In ein paar hundert Metern Entfernung fließt der Peenestrom vorbei. Flirrende weiße Segel streben langsam dem Greifswalder Bodden entgegen. Von den Rümpfen ist nichts zu sehen. Was für Charteryachten, Klassiker oder Traditionssegler sich unter den Riggs verbergen, kann man nur raten. Auf dem grün bewachsenen Hof stehen neben ein paar abgedeckten Booten ein Campingbus und ein Wohnwagen in der Sonne. Zwei Parteien haben das Angebot angenommen und ihr Lager gleich neben ihrer Arbeit aufgeschlagen.

Bevor es weitergeht, heben Mattes und seine Mutter den fertigen Holzopti an, der als Vorlage dient, und versuchen, sein Gewicht zu ergründen. Ursula Latus ist der Meinung, dass ihre Holzoptis leichter sind als die meisten Kunststoffrümpfe. Mattes zweifelt, seine Mutter ist überzeugt. Aber ohne Waage wird das Rätsel nicht gelöst werden. Der blonde Teenager greift wieder zu seiner Raspel und bearbeitet Spiegelrahmen und Spant. Dort sollen eine Kielplanke und insgesamt sechs Stringer eingelassen werden, die den Rumpf in Längsrichtung steif machen.

Auch am dritten Tag gerät die Werftchefin zuweilen noch ganz schön ins Rotieren. Während sie an einem Opti Leim aufzutragen hilft, wollen die Kanubauer wissen, wie sie ihre Bodenplatte anbringen wollen. Doch die Teilnehmer gewinnen an Selbstständigkeit. Latus braucht nicht mehr so oft daneben zu stehen, oft recht es, eine Frage zu beantworten und die Kursteilnehmer ziehen dann alleine los, um ihr Problem zu lösen.

Auch der Überblick wächst. Mattes weiß selbst, was er für den Einbau seiner Stringer braucht, sammelt Schraubzwingen ein und trägt sie zur Helling. Auch wenn jeder vor allem an seinem Boot baut, helfen sich die Teilnehmer gegenseitig. Besonders beim Einpassen und Ankleben der Stringer, die durch die Biegung des Bootsrumpfes enorm unter Spannung stehen, halten vier Hände mehr als zwei.

Nachdem die letzten Stringer verleimt sind, gibt Ursula Latus ein Eis aus. Mit den Stringern steht nun das Grundgerüst, auf dem am folgenden Tag Stück für Stück die Rumpfplatten angebracht werden. Mattes’ Platten sind zum Teil schon zugeschnitten, aber die Seitenplatten müssen noch angepasst werden.

Die Bootsbaumeisterin zeigt dem Hamburger, wie die Platte mit Schraubzwingen an den Stringern befestigt wird und die Kurve des Bootsbodens übertragen wird. Dann kommt die Platte auf die Werkbank und Mattes stellt die Stichsäge an. Die zweite Bodenplatte macht er alleine fertig.

Trotz der wachsenden Sicherheit wird die Zeit knapp. Für Uwe Pawelzik kein Problem – er hat auch den Anschlusskurs gebucht, in dem er das Rigg baut, und kann in dieser Zeit seinen Rumpf fertigstellen. Mattes wird seinen Rumpf unterstellen und in den Herbstferien noch einmal für ein paar Tage wiederkehren müssen. Ohne Lackierung ist der Rumpf nicht transportfähig und unfertig kann er nicht lackiert werden. Aber die Garagen bieten genug Raum für Mattes’ Opti und auf dem Hof ist jederzeit ein Platz für den Campingbus frei.

(Erschienen in segeln 10/2011)

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