Hans im Glück

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Hans Heckmann sieht sich als Glückspilz – nicht nur, weil er seit 1946 im Besitz eines über hundert Jahre alten Klassikers ist

Der würzige Geruch von schwedischem Kienteer unter Deck versetzt den Besucher von heute zurück in eine Zeit, als Schiffsrümpfe noch aus Vollholz, Segel aus Hanf und Tauwerk aus Manila bestanden. Seit die Siebensegellängen Kreuzeryacht „Illusion“ in Schottland auf Kiel gelegt wurde, sind mehr als 100 Jahre vergangen.

Den größten Teil dieser Zeit wurde die Yacht in Berlin gesegelt. Aber dass sie überhaupt so alt werden konnte, verdankt sie Hans Heckmann, der sie 1946 am Wannsee an Land stehend entdeckte und vor dem beginnenden Verfall rettete.

Heckmann selbst war gerade 23 Jahre alt und hatte mit Glück den Krieg als U-Boot-Mann überlebt. Er hatte sich für eine Atlantiküberquerung beworben – erfolglos. Ein Segen, wie Hans Heckmann heute sagt, denn das U-Boot kam nicht mehr zurück. Kurz bevor er als Leutnant sein erstes Kommando übernehmen sollte, kapitulierte Deutschland.

In der Marineschule in Glücksburg hatte der Segelvirus Hans Heckmann infiziert. Während seiner Ausbildung machte er seinen ersten Einhand-Törn in einem 12-Fuß-Dingi mit Steckschwert. Erst unterwegs merkte er, dass der Rumpf undicht war. „Ich kam aus dem Schöpfen nicht mehr heraus,“ erinnert er sich, aber er brachte sich und das Dingi heil zurück.

Nach dem Krieg zog es den Seemann dann auch in Berlin ans Wasser. Auf dem Gelände des heutigen Berliner Yacht-Clubs am Wannsee sammelte sich alles, was segeln wollte und konnte – Mensch und Material –, denn die meisten anderen Seegrundstücke hatten die Alliierten in Benutzung.

Die „Rheinland“, die dort hoch und trocken stand, hatte bereits ein großes Loch in der Außenhaut, aber Heckmann, der schon als Mannschaft auf Rennyachten gesegelt war, erkannte ihre eleganten Linien. Er übernahm das Schiff, dessen Besitzer als vermisst galt, für 500 Reichsmark vom Bergungsbeauftragten des Berliner Magistrats.

Seine ältere Schwester Charlotte taufte das Schiff auf den Namen „Illusion“. Nachdem der Rumpf wieder dicht war, kam er zu einem ersten Einsatz als Startschiff. Aber mit dem aufgetrennten und neu verleimten Mast eines holländischen Bojers, dem Großsegel einer am Steg versunkenen Sonderklassenyacht und dem Mast eines dänischen Eisseglers als Baum wurde aus dem Traum vom Segeln in Berlin langsam Realität.

Die „Illusion“ segelt auf den Berliner Klassikerregatten regelmäßig auf die vorderen Plätze. Die 100 Jahre alte Yacht läuft gute 7 Knoten. Bis 5 Beaufort kann sie Vollzeug tragen. Dann steckt Heckmann das Bindereff ein. Im Vergleich zu anderen Yachten fehlt der „Illusion“ aber dann die Höhe am Wind, gibt er zu.

Allerdings segelt Hans Heckmann auch nicht vorrangig, um zu gewinnen. „Wenn sein Schiff an der Leine liegt, dann ist er traurig,“ sagt seine gute Freundin Irene Wahle über ihn. Er ist glücklich, wenn andere sein Glück teilen. Das ist bekannt und darum braucht Heckmann sich auch keine Sorgen um ausreichend Crew zu machen.

In den 60er-Jahren diente die „Illusion“ einige Zeit als Schulschiff, weil sich Hans Heckmann ihren Unterhalt nicht leisten konnte. Aber schon bald kam der Ingenieur wieder dafür auf. Im Laufe der Zeit ersetzten er und seine Mitsegler unter anderem das alte Deck durch ein Teakstabdeck und überzogen den Rumpf mit GFK. „Für das Geld hätten wir auch ein Haus haben können. Aber das Haus wollten wir nicht,“ meint Heckmann.

1995 lüftete der Segler dann das Geheimnis der Herkunft seiner „Illusion“. Der ehemalige Kommodore des Berliner Yacht-Clubs hatte ihm erzählt, dass er früher gegen diese Yacht unter dem Namen „Scottie“ gesegelt war. So recherchierte der Eigner unter diesem Namen und fand den Namen ihres Konstrukteurs heraus: Alfred Mylne.

Unter dem Namen Mylne betreibt heute Ian Nicholson in Schottland ein Konstruktionsbüro, wo man Baunummer und Baujahr der „Scottie“ schnell gefunden hatte: Nr. 124 von 1905. Zufällig hatte Hans Heckmann zum 90. Geburtstag der alten Dame in Schottland seine Recherchen abgeschlossen.

Im Winter 2002/03 kam die „Illusion“ zur Generalüberholung auf eine Werft südlich von Prag. Unter anderem wurden die Original-Stahlspanten überholt und die verrottete Kielsohle gegen eine neue aus böhmischer Steineiche ausgetauscht.

Dabei stellte sich heraus, dass Hans Heckmann auch mit den Kielbolzen Glück gehabt hatte: Die Robertson-Werft hatte Bronzebolzen verwendet. Viele deutsche Werften hätten damals verzinkte Kielbolzen benutzt. Von den Bolzen wäre nicht mehr viel übrig und das Holz drumherum schwarz geworden – mit unschönen Folgen bei einer Grundberührung.

Mit über 80 Jahren sind viele Segler längst auf komfortablere Boote umgezogen – wenn sie überhaupt noch segeln. Aber trotz der Enge im Cockpit und unter Deck: Hans Heckmann hat seine „Illusion“ nie bereut.

(Erschienen in segeln 5/2009)

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