In Würde gealtert

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Die Olympiajolle feiert 2011 ihren 75. Geburtstag. Auch ohne internationales Renommee erfreut sich die Klasse immer noch großer Beliebtheit

Ein Segel sticht etwas heraus zwischen den ganzen Tüchern mit ihren kleinen Folienfenstern, die den Berliner Seddinsee an diesem Sommertag bevölkern. In traditioneller Weise aus schmalen Baumwollbahnen zusammengenäht, schimmert es eher cremefarben als weiß. Es gehört zu der hölzernen Olympiajolle mit der Segelnummer O 23, auf der Frank Fritze, Bootsbauer aus Potsdam, an den Start gegangen ist.

Fritze hat die Restaurierung seines Bootes gerade rechtzeitig zum jährlich von der Freien Vereinigung der Tourensegler Grünau (TSG) ausgetragenen Geldner-Preis der O-Jollen im Juni beendet und sorgt für großes Aufsehen vor Ort. Denn seine „Eva“ ist das einzige Boot von 1936, das zur Jubiläumsregatta zum 75. Geburtstag der Klasse antritt, und feiert somit doppelt Geburtstag. Stilecht im blau-weiß gestreiften Sweater segelt der Bootsbauer zwischen den Konkurrenten in buntem Ölzeug.

Ein Blick in die Plicht nach dem vollendetem ersten Wettfahrttag gleicht einer Zeitreise. Das verzinkte Schwert hängt an einer schweren Talje aus Holzblöcken. Außer dem Baumniederholer sind keine Trimmleinen zu sehen. An der oberen Schwertkastenplanke aus Mahagoni hat der Erbauer seinerzeit die Jahreszahl 1936 hinterlassen. Als Fritze das Boot in Stand setzte, musste er die untere Eichenplanke austauschen und verewigte darin das Jahr der Restaurierung: 2011.

Ganz anders dagegen die neueren Boote: Die Schwerter bestehen heute aus Edelstahl; hier und da sind sogar Ruderköpfe aus Kohlefaser zu sehen. Batterien von kugelgelagerten Leichtgewichtsblöcken rings um den Mastfuß führen die zahlreichen Trimmleinen. Ein Gewirr aus buntem Tauwerk macht das Cockpit zur Stolperfalle.

Damit wird heute umgesetzt, was die Klasse seit ihren Anfängen auszeichnet: In der O-Jolle entscheiden die seglerischen Fähigkeiten, nicht die körperlichen Voraussetzungen. Wer ein gutes Verständnis von Trimm und Taktik mitbringt, hat auch bei viel Wind faire Chancen gegen deutlich schwerere Segler.

Nichts desto trotz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten an der O-Jolle einiges verändert, obwohl die Klassenvorschriften nach wie vor recht restriktiv ausgelegt werden und keine Materialschlachten entbrennen wie in den prestigeträchtigeren olympischen und internationalen Klassen. Ein profiliertes Ruderblatt zum Beispiel ist erst seit wenigen Jahren zugelassen. Einige Teilnehmer sind auch noch mit dem alten Lenkblech angereist. Zwischen ihnen lost die Wettfahrtleitung eine gespendete neue Profilruderanlage aus.

Dass Fritzes Oldtimer unter solchen Bedingungen die Veranstaltung adelt, kommt bei den Teilnehmern gut an. Schließlich könnte der Bootsbauer sich das Wochenende auch mit Lustsegeln vertreiben, denn er hat mit seinem Klassiker keine Chance auf die vorderen Plätze. Fritze muss permanent lenzen. Frisch restauriert zu Wasser gebracht, hatte der Rumpf noch keine Zeit, dicht zu quellen und nimmt entsprechend viel Wasser. Aber: Dabeisein ist alles- ist das nicht der olympische Gedanke?

Trotz des internationalen Charakters der Olympischen Spiele ist die O-Jolle eine nationale Klasse geblieben, auch wenn es in einigen Nachbarländern recht aktive Flotten gibt, zum Beispiel in den Niederlanden. Schon 1936 gewann der Niederländer Daniel Kagchelland vor Werner Krogmann aus Deutschland und dem Briten Peter Scott die Goldmedaille. Dieses Jahr beim Geldner-Preis werden die Teilnehmer aus der Schweiz besonders begrüßt. Als Teilnehmer mit der weitesten Anreise erhalten sie einen Ehrenpreis.

Familiäre Gesten wie diese zeichnen die Klasse aus. Es geht in der O-Jolle schon darum, sportlich zu segeln, aber mit den verbissenen Kämpfen um Kaderplätze hat man hier weitgehend abgeschlossen, erzählt einer, der es wissen muss: Knut Wahrendorf gehört zum Urgestein der O-Jollen-Segler und rangelt in dieser Klasse seit 36 Jahren mit seinem ewigen Rivalen Peter Lippert. Insgesamt treten die beiden seit fast 50 Jahren gegeneinander an, zuerst im Finn Dinghy. Wahrendorf stellt gegenüber dem Finn oder der OK-Jolle das entspanntere Segeln heraus. Während man im Laser fast pausenlos hängen muss, kann man sich in der O-Jolle auch mal einfach auf die Kante setzen.

Etwas zurückgesetzt über dem südlichen Ufer des Seddinsees, das Regattafeld überblickend, liegt die historische Heimat der O-Jolle: der Dahme Jacht Club (DJC). Hier kann man auch erfahren, dass die Klassenvereinigung ein bisschen geschummelt hat, als sie den 75. Geburtstag 2011 feiern ließ: Die Entwicklung begann schon 1932.

Als die Olympischen Spiele 1936 vorbereitet wurden, setzte die deutsche Vertretung im Internationalen Olympischen Komitee durch, dass für die Spiele eine neue Einhandklasse entwickelt werde. Wohl auch, weil man sich so bessere Chancen gegenüber der internationalen Konkurrenz ausmalte. Man legte zunächst lediglich Hauptabmessungen fest und regte an, dass die Vereine Prototypen bauen, die gegeneinander segeln, bis der beste Riss gefunden sei.

Der DJC beschloss im Mai 1933 als erster Verein in Deutschland den Bau einer Olympiajolle. Finanziert wurde das Vorhaben durch eine Umlage unter den Mitgliedern, großzügige Einzelspenden – und eine Erhöhung des Bierpreises in der Vereinskantine. Bereits im Juli war der Bau beendet. In verherrlichender Anlehnung an die Seeschlacht zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien 1916 wurde das Boot „Skagerrak“ getauft. Zum Stapellauf spielte man das Deutschlandlied.

Bald folgte andere Vereine mit ihren Prototypen, die bei verschiedenen Veranstaltungen gegeneinander segelten. Auf der Kieler Woche 1934 konnten die Boote das erste Mal auf einem Seerevier getestet werden. Nach diesem Wettbewerb legte sich der Technische Ausschuss des DSV auf die O 31 „Seehund ex Adi“, die der Berliner Architekt Hellmut Stauch entworfen und gesegelt hatte, als Grundlage für die zukünftige Einheitsklasse fest.

„Die Jollen sind steif, gehen wunderbar durch die Welle und segeln verhältnismäßig trocken“, schrieb der Konstrukteur 1934. „Sie sind von einem Mann bei jedem Wetter zu halten und einwandfrei zu segeln, was für ein Einhandboot natürlich von großer Wichtigkeit ist.“ Und weiter: „Es ist erstaunlich, welche Höhe die Boote ohne Vorsegel laufen können. Ebenso sind die Raumschoteigenschaften der Boote verblüffend. Bei etwas Brise kommen die Olympia-Jollen sehr schön zum Gleiten.“

Noch 1934 wurde die erste Deutsche Meisterschaft (DM) ausgetragen, ebenso wie die Bootstaufe geprägt vom Ungeist jener Jahre. Die DM wurde als Teil der so genannten „Deutschen Kampfspiele“ ausgerichtet; teilnehmen durften ausschließlich „arische“ Segler. Die Klasse breitete sich sehr schnell aus. 1935 waren bereits 200 Boote verzeichnet, mit Schwerpunkten in Berlin, Hamburg und München.

Zu den Olympischen Spielen 1936 baute die Berliner Bootswerft Buchholz nach dem Einheitsriss 30 Jollen, die unter den teilnehmenden Nationen verlost wurden. Die Segel wurden von der Berliner Segelmacherei Benrowitz geliefert, so dass die Segler das nötige Material komplett gestellt bekamen und nur noch an Bord zu gehen brauchten. An den Start gingen schließlich 25 Segler aus ebenso vielen Ländern. Die Entscheidung über die Silbermedaille für den Hamburger Krogmann fiel erst in der letzten von sieben Wettfahrten.

Nach den Olympischen Spielen verbreitete sich die Klasse weiter. Bei Kriegsende waren fast 900 O-Jollen in Deutschland registriert. Kein Wunder, dass schon recht bald nach dem Krieg die ersten Aktivitäten in dieser Bootsklasse stattfanden. 1948 stiftete ein TSG-Mitglied zum 50. Vereinsjubiläum den Geldner-Preis, der an das im Lazarett an Typhus verstorbene Mitglied Walter Geldner erinnert und bis heute unter den O-Jollen ausgesegelt wird.

Bis 1961 segelten trotz mitunter erheblicher Schwierigkeiten die O-Jollen in Deutschland noch gemeinsam. Berliner Meisterschaften wurden zusammen ausgetragen. Auch die Deutschen Meisterschaften trugen die Seglerverbände in Ost und West in den 50er Jahren noch gemeinsam aus. Zu den Veranstaltungen in Westdeutschland reisten immer auch Delegationen aus der DDR an.

Nach dem Mauerbau ging das nur mit Tricks. So trafen sich 1986 als Urlauber getarnte Ostberliner am Macha-Stausee in der Tschechoslowakei mit O-Jollen-Seglern aus anderen Ländern, um zusammen segeln zu können. Zur Neuauflage des gewagten Unternehmens 1988 gingen 45 Boote an den Start. Andere Erfindungsreiche legten genehmigungsfähige dringende Familienbesuche auf die Regattatermine im Westen.

Heute ist das kaum noch vorstellbar, aber bis in die 60er Jahre wurde die O-Jolle auch als Wanderboot genutzt. Schon 1936 machten O-Jollen-Segler eine 250 Meilen lange Reise auf dem Kurischen Haff. Und eine weitere Besonderheit weist die Geschichte der O-Jolle auf: Sie war eine der ersten Bootsklassen in Deutschland, in der auch Frauen an den Start gingen. Liselotte Voigt trat schon 1940 als erste Frau bei einer Deutschen Meisterschaft an. Und Ursula Buchholz segelte der männlichen Konkurrenz 1943 davon.

Schon vor der Wiedervereinigung im Oktober wurde im Juli 1990 am Ammersee die erste Internationale Deutsche Meisterschaft ausgerichtet, auf der die deutschen O-Jollen-Segler wieder offiziell zusammen segeln konnten. Heute gibt es in Deutschland immer noch 300 O-Jollen, die ab und an starten, neben denen, die nicht an Regatten teilnehmen und deshalb auch unter dem Radar der Klassenvereinigung bleiben. In der Rangliste finden sich zwischen 150 und 160 Segler.

Während andere Bootsklassen kommen und gehen, hat die O-Jolle sich jetzt schon über zwei Generationen gehalten. Und das, obwohl sie nicht das modernste Boot ist, vor allem im Vergleich zu den Einhandskiffs. In der Flotte Berlin ist der nächste Generationswechsel bereits geglückt. Es haben sich einige 35-45-Jährige gefunden, berichtet der diesjährige Gewinner des Geldner-Preises, Jörg Lietzmann. Er hat selbst bewiesen, dass es bei den O-Jollen nicht auf das neueste Material ankommt: Sein Boot ist 17 Jahre alt. Was er für die wichtigste Voraussetzung hält, um nach vorne zu segeln? „Spaß mitbringen.“

(Erschienen in segeln 12/2011)

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