Klein, aber oho

Handlich und schnell zeigt sich die von Georg Nissen gezeichnete Rügenjolle. Bei Wieker Boote im Norden Rügens werden schon seit Jahrzehnten Arbeitsboote gebaut – mit dem leichten Jollenkreuzer fasst die Werft jetzt auf dem Markt der Freizeitboote Fuß.

Trotz Windstärke vier ist kaum eine Welle auf dem Wieker Bodden zu sehen – ein Vorzug der Boddengewässer. Also werden wir Vollzeug ausprobieren. Die Rügenjolle hat eine kleine Rollfock und ein durchgelattetes Großsegel mit Ein-Leinen-Reffsystem. Da kein Motor an Bord ist, setzen wir die Segel bereits in der Box. Schon auf dem Weg aus der Hafeneinfahrt deutet sich ein gutes Geschwindigkeitspotenzial an.

Draußen zeigt das Boot, warum es Rügenjolle heißt: Es reagiert empfindlich auf Böen und will dringend aufrecht gesegelt werden. Anfangs reißt uns mehrfach die Strömung am Ruder ab, und wir schießen fast in den Wind. Wir müssen uns auf die Kante bewegen oder rechtzeitig reffen.

Riggspannung

Unter dem zunehmenden Druck der Fock wippt der Masttopp in Böen nach vorne. Entsprechend sackt das Vorliek durch, und die Fock beginnt einzufallen. Wir schießen in den Wind. Die Rügenjolle lässt sich für solche schnellen Korrekturen gut im Wind halten, aber der weiche Riggtrimm lässt sich so schnell nicht korrigieren.

Schwarze Wolken warten am südlichen Ausgang des Wieker Boddens auf uns. Wir ergreifen die Flucht und kehren um. Mit aufgeheißtem Schwert ist das Boot auch vor dem Wind noch schnell. Das Schwertfall ist leichtgängig und einfach bedienbar unter dem Niedergang angebracht.

Ausrüstung

Gut getrimmt läuft die Rügenjolle auch auf raumen Kursen geradeaus und liegt dazu sehr leicht auf dem Ruder. Leider ist die Pinne sehr lang. Der Steuermann gerät beim Umsetzen in Schwierigkeiten. Der Pinnenausleger ist sehr gut dimensioniert. Der Steuermann kann damit bequem auf der Kante sitzen und hat gleichzeitig die Großschotklemme am Fußblock in Reichweite. Dieser befindet sich allerdings auf einem gut eine Handbreit hohen Metallrohr, das aus dem Cockpitboden ragt. Es dient gleichzeitig als Fuß für die Baumstütze, die als Zubehör angeboten wird. Ein Reitbalken in gleicher Höhe, an dem ein Auge für die Baumstütze sitzt, würde aber weniger Verletzungsgefahr in sich bergen als das senkrechte Rohr.

Kurz vor Anbruch der Dämmerung machen wir wieder im Wieker Hafen fest. Wir verbringen eine überraschend bequeme Nacht an Bord des kleinen Jollenkreuzers. Er ist nur knapp über fünf Meter lang, dennoch finden zwei Personen in den Kojen zu beiden Seiten des Schwertkastens problemlos Platz.

Durch Pilzlüfter und Lüftungsschlitze ist für gute Belüftung gesorgt. Leider gibt es keine Kojenbretter, die Matratzen liegen direkt auf der Innenschale auf. Das führt zur Bildung von Kondenswasser. Eine luftdurchlässige Unterlage könnte hier für Durchlüftung sorgen.

Viel Platz

Stauraum befindet sich im Vorschiff und unter den Kojen. Zwei kleine Schwalbennester hängen jeweils über den Kojen. Der Fußraum im Niedergang kann mit einem Sperrholzbrett abgedeckt werden und dient ebenfalls als Stauraum. Auf Wunsch liefert die Werft einen Kajüttisch, der an der Maststütze befestigt wird.

Auch das Cockpit bietet für zwei Personen sehr viel Platz. Mit einer Plichtpersenning kann dieser gut genutzt werden. In die Längsduchten sind vier Backskisten integriert. Am Spiegel können noch eine kleine Klapp-Badeleiter und die Aufhängung für den Außenborder montiert werden, was der Rügenjolle auch nach außen den Charakter einer Wanderjolle gibt.

Testkommentar

Auf der Rügenjolle macht Segeln Spaß. Auch bei recht viel Wind bleiben wir in der Plicht trocken. Das Boot stampft sich nicht fest, und unsere Manöver führt es schnell aus. Die Rügenjolle wendet auf dem Teller, die Schoten laufen immer klar. Für eine bessere Vorstagspannung sollte das Rigg von vornherein mit mehr Vorbiegung gefahren werden. Mit Hilfe der gepfeilten Salinge ist das einfach zu machen. Die Ausrüstungsmöglichkeiten und der Preis machen die Rügenjolle zu einem sehr interessanten Einsteigerboot für Fahrtensegler. Durch das geringe Eigengewicht ist die Rügenjolle auch als Trailerboot attraktiv.

(Erschienen in segeln 12/1999)