Mit „Tante Hertha“ nach Neuwerk

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Inken Eilers und Jan Stege segeln im Wattenmeer und haben dafür ihr Traumboot gefunden: Einen Blitz-Jollenkreuzer, den sie Schritt für Schritt restaurieren

„Das sind schöne Tage, an denen man morgens rausgeht, auf einen Sand fährt und abends wieder reinkommt“, schwärmt Jan Stege vom Segeln vor dem Land Wursten. Gegen das auflaufende Wasser steuert er den weißen Rumpf den Prickenweg entlang in die Deutsche Bucht. In Dorum zwischen Bremerhaven und Cuxhaven haben er und seine Partnerin Inken Eilers ihr perfektes Boot für das Tidenrevier liegen: einen Blitz-Jollenkreuzer.

1947 konstruierte der Hamburger Paul Böhling diese Boote für Segler, die sich ihr Boot aus Stahl selbst bauen wollten. Mit 8 Metern Länge und 2,40 Metern Breite und sind die Blitzboote einen Tick länger, aber schmaler als die im Binnenland verbreiteten 20er Jollenkreuzer, dabei aber hochbordiger und damit bestens für die Unterelbe und das Wattenmeer geeignet. Als Stahlboote sind sie theoretisch völlig dicht. Allerdings unterscheidet sich die Bauqualität der hergestellten Rümpfe erheblich.

Die „Tante Hertha“ von Eilers und Stege ist nach gut 60 Jahren in einem beneidenswerten Zustand. Keine einzige Rostträne ist auf dem Rumpf oder an Deck zu sehen. Die Kajüte wirkt licht und sauber mit ihrem weißen Himmel und dem Innenausbau in heller Eiche. Den sonst üblichen Schrank an Steuerbord haben die beiden Eigner im Winter auf einem Drittel seiner Höhe abgenommen und statt dessen eine Basis für einen kleinen Ofen eingesetzt. Der sitzt auch schon auf seinem Platz, nur das Rohr fehlt noch.

Auch sonst haben die beiden bei der Restaurierung ganze Arbeit geleistet: Den kompletten Innenausbau entfernt, den Stahl blank gemacht, gestrichen und alles wieder eingebaut in einem Winter. Hilfreich ist, dass die zwei vom Fach sind. Jan Stege arbeitet als angestellter Bootsbaumeister in Cuxhaven, Inken Eilers ist selbstständige Segelmacherin in Wilhelmshaven. Mit dem begrenzten Zeitbudget von Berufstätigen restaurieren sie ihren Jollenkreuzer in mehreren Abschnitten. In diesem Winter wird Stege sich das Cockpit vornehmen. Ein neuer Mast ist auch fällig, aus Spruce soll er sein. Eilers wird einen neuen Satz Segel schneidern.

Die aktuelle Garderobe ist noch die erste, nehmen die beiden an. Der Stempel „Dacron“ auf dem Vorsegel deutet jedenfalls darauf hin, dass das Tuch aus einer Zeit stammt, in der es noch etwas Besonderes war. Vor Dorum probieren die beiden Eigner gerade ein neues Vorsegel aus, das sie von dem Katamaran übrig behalten haben, den sie vor dem Blitzboot besessen haben. Zwar ist das Vorliek ein wenig zu lang, aber als improvisiertes Leichtwindsegel für Reachkurse zieht das Tuch ganz ordentlich. Bis Neuwerk müssten sie jetzt nur noch ein paar Stunden Kurs halten, die Türme sind schon deutlich zu sehen.

Dann könnten die beiden dort Anker werfen und sich trocken fallen lassen. Die Insel in der Elbmündung ist im Sommer ein bevorzugtes Wochenendziel der Blitz-Segler gewesen. „Wir segeln in einem wunderschönen Revier, aber hier ist nicht viel los“, erzählt die Segelmacherin. „Viele sind von dem Trockenfallen und den Sänden überfordert“, meint der Bootsbaumeister.

Auf solchen Touren wurde den beiden der Kontrast zu ihrem bisherigen Boot besonders deutlich. „Je mehr ich Katamaran gesegelt bin, desto mehr habe ich mich nach einem Blitz-Jollenkreuzer gesehnt“, blickt Stege zurück. Auf einem solchen Boot hatte er seine ersten Segelerfahrungen gemacht. Dagegen war ihm ihr Katamaran auf Dauer in den kleinen Häfen und auf den Prickenwegen des Wattenmeers nicht wendig genug. Dazu kam der permanente Stress des schnellen Segelns.

Als er dann eines Abends im Herbst 2008 im Internet einen Blitz sah, der versteigert werden sollte, rief er kurzerhand den Verkäufer an und bot ihm an, das Boot sofort und ungesehen zum aktuellen Gebot zu kaufen. Noch in der Nacht überwies er den Preis, nachdem er seiner Partnerin den Spontankauf beigebracht hatte. „Den Verkäufer habe ich völlig irritiert und etliche Mitbieter verärgert“, meint Stege. Aber das war das Boot ihm wert.

Sie konnten den Jollenkreuzer in guten Zustand abholen und zu einem ersten Probeschlag zu Wasser lassen. Das erste Jahr verbrachte „Tante Hertha“ dann aber im Schuppen, bevor es im Winter 2009/2010 an die Instandsetzung ging. Der Rumpf soll im Originalzustand erhalten, Rigg und Segel nach Originalplänen, aber mit modernen Materialien erneuert werden. Die beiden Segler lieben zwar die klassischen Linien für ihr großes Potential, aber sie sind keine Traditionalisten.

Parallel recherchierten Eilers und Stege die Geschichte ihres Bootes mit der Segelnummer 9. Über einige Umwege und mithilfe des DSV konnten sie schließlich Kontakt zum Enkel des Ersteigners aufnehmen, der als Zehnjähriger am Bau mitgewirkt hatte. Seitdem steht das Ziel für 2011 fest: mit „Tante Hertha“ ihr altes Heimatrevier erkunden und den alten Herrn besuchen.

(Erschienen in segeln 11/2010)

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