Pelle hört nicht auf

Die Maxi 77 hat ihn bekannt gemacht. Aber designt hat er auch Sportwagen, Rasenmäher und Golfschläge: Pelle Petterson.

Ein kreativer Kopf geht nicht einfach in Rente. Auch mit 84 Jahren geht Yachtdesigner Pelle Petterson fast jeden Tag die Treppe hoch in sein Arbeitszimmer im obersten Stockwerk seines Wohnhauses. Schreibtisch und Ablagen liegen voll mit Zeichnungen, Plänen, Bleistiften und Kurvenlinealen. Skizzen sind an die Dachbalken gepinnt. In den Pausen kann der Schwede von seinem Fenster aus das Inselmeer der Westschären überblicken. Ein Fernglas auf einem Stativ schärft den Blick auf die Felseninseln.

Hier in Kullavik, etwas südlich von Göteborg, hat Petterson fast sein ganzes Leben verbracht. 1942, da war er zehn Jahre alt, mieteten seine Eltern hier das Haus eines Bauern als Sommerfrische. Noch einen Ort weiter südlich, in Särö, logierte der König, und alle, die es sich leisten konnten und etwas auf sich hielten, zogen mit. Viele der Sommergäste an der Westküste tummelten sich auf Booten, oft auf geklinkerten Doppelendern, den traditionellen Arbeitsbooten der Fischer in der Gegend.

Sieger im Seifenkistenrennen

Auf dem Sommergrundstück fand der junge Pelle Petterson eines Tages ein Segelboot, riggte es auf und legte damit los. Umtriebig und sportlich war er schon immer gewesen. Mit seinem Vater, der als technischer Berater für Volvo arbeitete, hatte er Seifenkisten gebaut. Im Winter trieb die Familie Skisport. Nun segelte er jeden Sommer, und bald fand er zum Stjärnbåt, dem damaligen Jugendboot in Schweden. Der König hatte einen Pokal dafür gestiftet, und Pelle gewann ihn Ende der 40er viermal hintereinander.

Doch das Segeln war zunächst nur ein Hobby, keine Berufsperspektive. In dieser Hinsicht wollte Petterson in die Fußstapfen seines Vaters Helmer treten und für die Autoindustrie arbeiten. Nach Militärdienst und Ingenieurschule ging der junge Schwede 1955 nach New York ans Pratt Institute, eine der führenden Kunsthochschulen der USA, wo unter anderem auch der Fotograf Robert Mapplethorpe, der Schauspieler Robert Redford und der Regisseur Robert Wilson ausgebildet wurden.

Sportwagen für Volvo

Petterson wollte dort lernen Autos zu entwerfen: „Das war meine Leidenschaft.“ Kurz vor Ende seines Studiums 1957 sollte sein Vater einen neuen Sportwagen für Volvo entwerfen. Pelle arbeitete bei dem italienischen Autobauer Frua, reichte ein Konzept ein und durfte den Prototypen dort bauen lassen. Der P 1800 wurde ein Riesenerfolg. Stars wie Schauspieler Roger Moore in der TV-Serie „Simon Templar“ und der Leadsänger der Who Roger Daltrey machten das Auto zu einer der Stilikonen der 60er Jahre.

„Danach war es einfach für mich, Aufträge zu erhalten“, sagt Pelle Petterson über seinen Start ins Berufsleben. „Industriedesigner war damals kein bekannter Beruf.“ Aber mit dem P 1800 als Referenz konnte der junge Designer auch als kleiner Selbstständiger einiges an Aufträgen an Land ziehen. Zunächst vor allem viele motorgetriebene Geräte: Rasenmäher, Außenborder, Kettensägen, Mopeds. Petterson war nicht wählerisch: „Ich mag es, Dinge zu zeichnen.“

Außenborder und Motorboote

Relativ bald kamen auch Boote hinzu, zunächst Motorboote. Denn der Außenborderhersteller Crescent wünschte sich neue Rümpfe, die zu seinen Motoren passten. So entstand die Marke Monark, für die Pelle Petterson kleine offene Motorboote zeichnete. Dabei war ihm die Erfahrung, die er unterdessen mit dem Zeichnen seiner eigenen Segelboote gemacht hatte, eine große Hilfe. Schon 1953 war Pelle Petterson mit einem gebrauchten Boot in die internationale Starboot-Klasse umgestiegen.

Das Starboot ist zwar eine Einheitsklasse, aber damals waren die Toleranzen noch sehr groß. Begabte Designer unter den Seglern konnten sich dadurch ihre eigenen Rümpfe auf dem Leib schneidern. Und so zeichnete sich auch Pelle Petterson seine Starboote selbst. Die Perfektionerung des Starboots ersetzte bei ihm die fehlende formale Ausbildung in Sachen Booten. Die Risse gab Petterson dann befreundeten Bootsbauern, so entstand auch ein Starboot auf der damals neuen Werft von Christoph Rassy.

Bronze im Starboot

Über die Jahre wurden die Ergebnisse immer besser. Schließlich konnte Pelle in der internationalen Spitzengruppe mithalten. Auch damals schon war das Starboot die Klasse, in der sich die besten maßen. 1964 startete Petterson für Schweden bei den Olympischen Spielen in Tokio und errang die Bronzemedaille. Ab 1966 reiste er auch zu den Weltmeisterschaften, die zum Teil auf der Kieler Woche ausgetragen wurden. Damit stiegen auch die Kosten, die er für den Segelsport aufwenden musste.

Als Pelle Petterson 1969 die Maxi 77 auf den Markt brachte, hatte er schon einige Jahre lang mit einem Freund zusammen Zubehör verkauft, um seinen Sport zu finanzieren: Segel, Masten, Spibäume. Das hatte nicht so recht geklappt. „Wir waren am Puls der Zeit und hatten ein Gefühl für den aufstrebenden Sport, wir haben bloß nichts verdient. Unsere Segelfreunde haben versucht, unsere Produkte zu promoten, haben die Teile kostenlos bekommen, aber dann kaum etwas verkauft.“

Kassenschlager Maxi 77

In dieser Situation entstand der Gedanke, ein massentaugliches Segelboot zu entwerfen: die Maxi 77. Der Name war Programm: Es ging um die bestmögliche Raumausnutzung unter Deck. Die kleine Yacht bot Platz für eine Familie und war leicht zu bauen, die Kosten somit niedrig. Außerdem segelte sie auch noch gut. Pelle Petterson hatte der Spantkurve einen Knick in Höhe der Wasserlinie versehen. Dadurch verringerte sich schon bei wenig Lage die benetzte Fläche und damit der Widerstand.

Die eigenwillige Ästhetik der Maxi 77 mit dem charakteristischen Backdeck fanden damals nicht alle hübsch. Heute gilt das Boot als moderner Klassiker. In jedem Fall hat Pelle Petterson eine neue und eigene Linie gewählt. Größer hätte der Bruch mit den typisch schwedischen langen schmalen Schärenkreuzern mit wenig Platz unter Deck gar nicht ausfallen können. Aber es passte: Bis 1982 verkaufte Maxi fast 4000 Stück. Pelle Petterson bescheiden: „Wir hatten nur Glück mit dem Timing.“

Schweden beim America’s Cup

Pelle Petterson war jedoch nicht nur geschäftlich erfolgreich, sondern segelte auch weiterhin ganz vorne mit. 1972 vor Kiel gewann er die Silbermedaille im Starboot. Das Selbstbewusstsein wuchs und Petterson wollte zum America’s Cup. Es gelang ihm tatsächlich, in dem kleinen Schweden zwei Mal Sponsoren für eine Kampagne zu gewinnen und 1977 und 1980 in den Ausscheidungsregatten mitzumischen – allerdings ohne sich jemals durchzusetzen.

In den goldenen 70er-Jahren ging die Rechnung Pettersons noch auf: Die Marke Maxi finanzierte seinen Segelsport. Der erfolgreichen Maxi 77 folgte 1974 die Maxi 95. Zeitweise verkaufte Maxi 800-900 Boote im Jahr. Doch schon in den 80er begann langsam der Niedergang des schwedischen Bootsbaus. In größeren Nationen wie Frankreich oder Deutschland hatte man zunächst noch über die Stückzahlen der Schweden gestaunt, begann aber schon bald, ihnen den Rang abzulaufen.

Marke Maxi

Pelle Petterson sah die Lösung darin, das Maxi-Image etwas aufzumotzen. Waren die Maxi 77 und 95 noch eindeutig auf den inzwischen schon gesättigten Massenmarkt gerichtet, wollte er nun mit höheren Standards auf ein etwas besser situiertes Publikum setzen. Mit höheren Preisen ließe sich auch bei niedrigeren Stückzahlen noch genug Geld verdienen, so die Überlegung. Dafür sollten die Eigner einen höherwertigen Ausbau und eine bessere Ausrüstung bekommen.

Es folgten Boote wie die Maxi Fenix und Maxi Magic, mit denen es Petterson gelang, die Marke zu erneuern. Die alte Größe erreichte Maxi jedoch nicht wieder. In den 90ern und 2000ern wechselte die Marke oft den Besitzer, innerhalb Schwedens von einer Werft zur anderen. 2013 gehörte sie zusammen mit Najad der Oruster Motorbootwerft Nord-West, als diese Pleite ging. Pelle Petterson wollte das als Signal nehmen, sich von Maxi in den wohl verdienten Ruhestand zu verabschieden.

Segeln im Alter

Doch er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht – in diesem Fall ohne die neuen Besitzer Delphia Yachts aus Polen. Delphia hatte gezielt eine Marke für qualitätsbewusste Kunden erworben, die skandinavischen Bootsbau schätzen. Mit der Maxi 1300 hatten sie eine Yacht als jüngstes Modell im Portfolio, die schon 2006 vorgestellt worden war. Als neue Eigentümer wollten sie unbedingt mit einem neuen Modell auf den Markt – und das sollte ein Petterson-Design werden.

So ließ sich Pelle Petterson überzeugen, noch eine neue Maxi zu zeichnen: die Maxi 1200. Das jüngste Modell der Marke wurde 2015 vorgestellt. Auf den ersten Blick steckt in den neuen Maxis nicht mehr viel alte Maxi-DNA. Dafür steckt eine Menge Pelle Petterson darin: „Ich habe bei allen Booten immer zuerst an meine Bedürfnisse gedacht. In jungen Jahren bin ich Starboot gesegelt, als Vater brauchte ich Platz für meine Familie und jetzt möchte ich ein Boot, mit dem ich im Alter alleine unterwegs sein kann.“

Inzwischen zeichnet Pelle schon wieder an einem neuen Maxi-Modell. Streng geheim. Größer soll sie sein. Nach der Arbeit wartet an einem Steg auf der anderen Seite der Bucht eine Maxi. Elektrische Zentralwinsch, Bugstrahlruder. Genau das richtige für einen gemütlichen Schlag nach Feierabend. Aber noch nicht jetzt. Es klingelt. Die Enkelin steht vor der Tür. Jeden Tag nach der Schule kommt sie zum Mittagessen zu ihren Großeltern. Pelle Petterson entschuldigt sich. Er muss jetzt bei den Hausaufgaben helfen.

Erschienen in segeln 2/2017.

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