Schwert-Schlucker

Die neue Feeling 30 der französischen Werft Kirié wird in zwei Tiefgang-Varianten gebaut. Im windigen Tidenrevier vor Saint Malo testete die segeln-Crew die Version mit Integralkiel.

Als wir in Saint Malo unsere Seesäcke aufs Deck des Prototypen der Feeling 30 werfen, heult der Westwind in den Riggs der Yachten ganz ordentlich. Glücklicherweise scheint die Sonne, aber immer wieder schieben sich dunkle Wolken vor sie und bringen heftige Böen bis 26 Knoten mit – bestes Testwetter.

Auf den ersten Blick ist die neue Yacht aus der Kirié-Familie ihren großen Schwestern recht ähnlich. Die typischen ovalen Fenster im Aufbau lachen uns an, die Beschläge auf Aufbau und Deck sind sehr aufgeräumt und übersichtlich angeordnet. Unter Wasser ist die Feeling 30 modern gestaltet: ein Kurzkiel und, in der Integralkiel-Version, zwei freistehende Ruderblätter.

Die Feeling mit Schwert ist für Segler in Tidenrevieren und flachen Gebieten ein interessantes Angebot. Der nötige Ballast aus Gusseisen ist um den Schwertschlitz herum außen an den Rumpf gebolzt worden. Wer trockenfallen oder auf den Strand segeln möchte, fügt der Rumpfstruktur also keine Schäden zu. Aber ob die Schwertkiel-Variante genauso viel Wind verträgt wie die mit Festkiel? Um das zu überprüfen, sind wir heute in Saint Malo genau richtig.

Fix unterwegs

Unter Motor lässt sich das Schiff leicht aus der Boxengasse fahren und bleibt trotz des Seitenwinds kursstabil. In ausreichendem Abstand von der Hafenmole setzen wir die Segel – das Großsegel recht einfach aus dem Cockpit, wenn die Lazy Jacks vorher am Mast etwas gefiert werden. Für weniger kräftige Segler könnte die 16er Harken-Fallwinsch etwas unterdimensioniert sein – auf alle Fälle stoßen wir uns die Fingerknöchel an den engen Bügeln der Spritzkappe.

Alle Fallen laufen im Cockpit durch Spinlock-Hebelklemmen auf die Winsch – Komfort de luxe. Das Groß ist mit einem Einleinen-Reffsystem ausgestattet, das über zwei Reffreihen läuft. Nach einem kurzen Versuch mit vollem Segel stecken wir das erste Reff ein, die Genua bleibt ausgerefft. Schnell nimmt die Yacht Fahrt auf, als sie Wind in den Segeln hat. Leider können wir das Groß nicht flacher trimmen: das Achterstag ist nicht zu verstellen. Das ist eine Schwäche des Prototypen, die in der Serienproduktion nicht mehr vorkommen wird.

Zug am Ruder

3,35 Tonnen Verdrängung sind bei neun Meter Länge nicht eben wenig, aber die Segelfläche ist darauf gut abgestimmt. Vor der malerischen Kulisse der Stadtmauer segeln wir hoch am Wind aus dem Bereich der Hafeneinfahrt. In den immer noch sehr starken Böen beginnt das Boot schnell zu krängen, dann nimmt auch die Luvgierigkeit unangenehm zu. Ansonsten ist die Feeling gut zu steuern, aber jetzt muss der Mann an der Pinne hart arbeiten. Die Strömung am Ruder reißt ab, obwohl das Boot keine kritische Krängung erreicht hat, das Meer ist noch weit davon entfernt, in Lee an Deck zu steigen. Etwas Balance am Ruder würde zumindest den Druck vermindern. So aber müssen wir mit der Großschot arbeiten. Diese ist 1:6 untersetzt und sowohl mit Curryklemme als auch mit Knarrblock des italienischen Herstellers Viadana versehen. Die Schot ist leicht aus der Hand zu fahren.

Überhaupt fühlen wir uns im Cockpit wohl. Es ist offen und luftig, ermöglicht einen guten Überblick über die Yacht, die Instrumente und den Windex. Teakstäbe auf den Längsduchten füttern das Auge. In den Böen wird es auf der Luvkante allerdings etwas eng. Will der Steuermann bequem vor dem Pinnenausleger sitzen, quetscht er den Mitsegler fast an die 32er Harken Schotwinsch. Für drei Segler ist kein Platz. Sitzraum im Hafen gibt die Plicht hingegen großzügig her.

Savoir vivre

Der Lebensraum auf der Feeling ist sehr angenehm gestaltet. Muss der Navigator unter Deck seiner Arbeit nachkommen, findet er einen ausreichend großen Kartentisch mit viel Stauraum an Steuerbord. Auf seinem Platz sitzt er in Fahrtrichtung. Mit einem Blick über die Schulter hat er die Rückwand der Nasszelle im Blick. In diese ist der von innen wie auch von außen ablesbare Plastimo-Steuerkompass eingelassen. Das ist eine gute Idee. Auf der anderen Seite befindet sich die Pantry, die viel Stauraum und ein großes Kühlfach anzubieten hat. Davor liegt der Salon, an den sich das Vorschiffsdreieck optisch anschließt.
Die Vorschiffskoje kann durch Schiebetüren abgetrennt werden. Leider sind diese noch nicht arretierbar, so dass sie auf See gern hin- und herrutschen.

Durch diese Aufteilung und das helle Holz ist der Innenraum sehr groß und offen. Im Vorschiff finden zwei Personen Platz, ebenso wie in der Achterkabine, die allerdings mit zwei kleinen Luken etwas dunkler wirkt. Als Extra lässt sich die Salon-Sitzbank in eine Doppelkoje verwandeln, so dass sechs Menschen an Bord schlafen können. Am Salontisch finden alle problemlos Platz, allerdings wird der Stauraum wohl kaum für sechs komplette Ausrüstungen reichen. Insgesamt macht das Boot bei starkem Wind von über 20 Knoten eine gute Figur.

Testkommentar

Vielseitig ist wohl das Wort, welches die Feeling 30 am besten beschreibt. Dank der Integralkiel-Variante ist diese Yacht in fast allen Revieren zu Hause. Die Ausrüstung und der Raum unter Deck sind aufs bequeme Fahrtensegeln ohne allzu lange Seestrecken zugeschnitten. Aber auch einem Segler, der nur nach Feierabend oder am Sonntag kurz seinem Sport nachgehen möchte, bietet der Kirié-Nachwuchs durch die lebendigen und schnellen Segeleigenschaften einen Menge Spaß. Kurzum: Ein attraktives Boot!

(Erschienen in segeln 6/2000)