Von Schottland nach Korsika

arctictern_final_410

Der Bootstyp kommt von den Shetlands, aber Bootsbauer Max Filusch träumt davon, mit seiner Arctic Tern auf dem Mittelmeer zu segeln

Die Idee zu dem Boot kam Max Filusch nach einer Bergtour. Der Bootsbauer war gerade den Höhenwanderweg GR 20 auf der französischen Insel Korsika entlang gewandert. Nach den Tagen hoch oben im Gebirge, weit entfernt von Siedlungen oder gar Städten, erholte er sich an ebenso entlegenen Plätzen am Mittelmeer. „So viele schöne Buchten“, dachte er sich, „schlechter muss man’s gar nicht haben.“ Jetzt ein Boot, wo all das hineinpasst, was sonst in den Rucksack kommt. Ein Boot, mit dem die versteckten Orte zu entdecken sind, die auf dem Landweg niemand findet.

Zurück in Deutschland, machte Filusch sich auf die Suche nach einem passenden Design. Eigentlich hatte der Bootsbauer nie selbst bauen wollen. Aber jetzt hatte es ihn gepackt. Um Aufwand und Ergebnis einschätzen zu können, suchte er nach einem Entwurf, den schon andere Selbstbauer ausprobiert hatten. Über Fachzeitschriften und Internetforen fand er den in Schottland lebenden australischen Konstrukteur Iain Oughtred, der ein passendes Boot im Angebot hatte: ein für den modernen Holzbootsbau angepasstes Fischerboot von den Shetlands.

Im Juli 2010, nach zweieinhalb Jahren Bauzeit, taufte Filusch seine Arctic Tern (engl.: Küstenseeschwalbe) auf den Namen „Lohn John Silver“. Der erste Törn führte in die Schären. Inzwischen hat der Bootsbauer die zweite Saison mit seinem Boot verbracht und auch die kurzen Ausflüge vom Neustädter Rundhafen aus schätzen gelernt: Zum Ankern vor Pelzerhaken, beispielsweise. Der Sternenhimmel, den er dann zu sehen bekommt, versöhnt ihn mit dem Revier. Eigentlich findet er es etwas frisch auf der Ostsee und wäre lieber wieder am Mittelmeer.

Filuschs Segelkarriere begann südlicher und sportlicher, als seine Luggerjolle vermuten lässt. Aufgewachsen in der Nähe von Freiburg, heizte er auf Gleitjollen unterhalb des Kaiserstuhls über den Rhein. „Einmal Regattasegler – immer Regattasegler“, lacht Filusch heute selbstironisch. Der Baumniederholer, den er am Besan geriggt hat, war jedenfalls nicht vorgesehen. Traditionelle Linien und moderne Mittel finden zusammen: Das Großfall ist aus Dyneema. „Man muss ja nicht so fundamentalistisch sein“, findet der Bootsbauer. „Wenn das Fall zu viel Reck hat, verschlechtert sich das Profil bei starkem Wind, gerade wenn man es braucht.“

Die Ruderanlage wiederum hat traditionelle Vorbilder. Der Konstrukteur hatte eine Gabelpinne geplant, die das ganze Achterdeck eingenommen hätte. Diese Fläche wollte Filusch aber freilassen. Deswegen sieht die Ruderanlage so aus: Die Pinne steckt quer im Ruderkopf, der Ausleger ragt an Steuerbord über das Achterdeck längs in die Plicht. Für eine Kursänderung nach Backbord schiebt Filusch den Ausleger nach achtern, soll es nach Steuerbord gehen, zieht er ihn nach vorn. Abgeschaut hat der Bootsbauer das von Ruderanlagen norwegischer Doppelender.

In Norwegen hatte Filusch gleich nach seiner Lehre in Neustadt/Holstein zwei Jahre gearbeitet. Eigentlich sollten es nur drei Monate sein. Doch in Norwegen hat sich über Jahre eine große Traditionsseglerszene etabliert. Sie hat inzwischen einen beachtlichen Markt geschaffen; für Bootsbauer bedeutet das interessante Arbeiten und die Chance, neue Techniken zu erlernen. Möglichkeiten, die Filusch voll ausgeschöpft hat. Inzwischen hat der Bootsbauer seinen Meister gemacht und arbeitet auf einer großen Werft in Neustadt.

Durch das geteilte Rigg hat Filusch die „Long John Silver“ trotz ihrer Länge von nur fünfeinhalb Metern fahrtentauglich gemacht. Die beiden Masten stehen so weit wie möglich auseinander. Die komplette Plicht steht als Stauraum zu Verfügung. Oder als Schlafplatz. Am Ufer ist jedoch das Zelt Filuschs bevorzugte Behausung. In fremden Häfen schützt eine Rundbogenpersenning die Privatsphäre, im Heimathafen dagegen liegt das Boot offen. Filusch wohnt ganz in der Nähe und nimmt es auf sich, nach ein paar Regentagen zu lenzen, um sich die Arbeit mit einer Hafenpersenning zu sparen und immer schnell startklar zu sein.

2012 soll der Urlaub dann wieder etwas weiter weg führen: Zum Segelfestival in Brest an der französischen Atlantikküste. Filusch hat schon das ganze Internet nach einem passenden Trailer durchforstet, um am Ende festzustellen, dass der günstigste aus Neustadt kommt. „Wie gemacht für mein Boot“, freut sich der Eigner. Und wenn der Trailer erstmal da ist, dann ist der Weg von Brest an die französische Mittelmeerküste auch nicht mehr so weit. Es muss ja nicht gleich Korsika sein; an der Côte d’Azur gibt es auch schöne Buchten.

(Erschienen in segeln 2/2012)

Comments are closed.