Wem gehören die bunten Segel?

Die Falmouth Working Boats sind Europas letzte Fischereiflotte unter Segeln. Doch Austernfischer und Freizeitsegler streiten, wer die wahren Hüter ihrer Tradition sind.

Chris Ranger und Adam Spargo sind enttäuscht: Die Wettfahrten am ersten Tag der Falmouth Working Boat Championships sind abgesagt. Zu viel Wind, findet die Wettfahrtleitung in St Mawes. Ranger und Spargo können das nicht nachvollziehen. Sie haben die „Alf Smythers“ gerade aus dem nahen Mylor herübergesegelt und zwei Pakete Austern abgeliefert. Und nun tummeln sich die anderen Mannschaften an der Bar des Segelvereins statt auf dem Fluss Fal und ihre Boote liegen an Muringbojen vor St Mawes.

In diesem kleinen Küstenort in Cornwall im Südwesten von England versammeln sich jedes Jahr am ersten Wochenende im Juli die Falmouth Working Boats zu ihrer Weltmeisterschaft. Wobei das Wort von der Weltmeisterschaft ironisch zu verstehen ist, denn die Falmouth Working Boats gibt es nur hier: In der breiten Mündung des Flusses Fal, den Carrick Roads, die von Truro im Norden bis Falmouth im Süden reichen. Hier liegt die Heimat dieser ungewöhnlichen Bootsflotte.

Ein Gesetz von 1868

Der Name „Falmouth Working Boat“ hat sich als Oberbegriff für Segelboote zum Austernfischen durchgesetzt, die auf den Carrick Roads eingesetzt werden. Allerdings stammen die meisten dieser Boote gar nicht aus Falmouth, sondern aus den umliegenden ehemaligen Fischerdörfern. Ein Gesetz von 1868 schreibt vor, dass Austern in der Mündung des Fal nicht mit mechanisch angetriebenen Fahrzeugen gefischt werden dürfen. Deswegen sind bis heute nur Segel- und Ruderboote im Einsatz. 

Das typische Falmouth Working Boat gibt es nicht – Spiegelformen und Kielkonturen unterscheiden sich erheblich. Aber da alle Boote an die Verhältnisse auf den Carrick Roads angepasst sind, haben sich über die Jahrzehnte einige Gemeinsamkeiten herausgebildet. Die Boote sind als Gaffelkutter getakelt, Steven und Spiegel nahezu senkrecht. Die Länge variiert zwischen gut 20 und gut 30 Fuß. Die Plicht ist offen, Tiefgang und Breite groß – gut zum Austernfischen in den windigen Wintermonaten.

Bunte Toppsegel als Marke

Dabei steuert der Austernfischer die Luvseite der Austernbank an und dreht dort bei. Über die luvwärtige Bordwand bringt er bis zu vier schwere spezielle Schleppnetze aus. Der Wind treibt das Boot langsam über die Bank, das Netz kratzt über den Grund und fängt die Schalentiere ein. An der Leeseite der Bank holt der Fischer die Netze wieder ein. Austern mit der Mindestgröße von 2 5/8 Zoll behält er, der Rest geht über Bord. Dann kreuzt der Fischer zurück nach Luv.

Die charakteristischen bunten Toppsegel der Falmouth Working Boats sind ein modernes Kennzeichen. Toppsegel gab es zwar schon früher, um auch bei Landabdeckung zu den Austernbänken segeln zu können, aber sie waren nicht bunt. Und zum Arbeiten wurden und werden sie geborgen. Außerdem gehören zur Arbeitsbesegelung meistens eine kleinere Fock und ein kleineres Groß. Oft fieren die Fischer bei der Arbeit auch noch die Piek, um die Segelfläche weiter zu verkleinern.

Das beste Segelrevier der Welt

Von Anfang Oktober bis Ende März im offenen Boot Austern zu fischen mutet abenteuerlich an. Doch „die Carrick Roads sind das beste Segelrevier der Welt,“ beteuert Nigel Sharp von der über 100 Jahre alten „Evelyn“. Sie bieten eine große Wasserfläche ohne viel Seegang und Strömung. Im Solent setzt oft zu viel Strom um segeln zu können. In Fowey, das direkt am Ärmelkanal liegt, bremst der Seegang die Segelei. Im Gegensatz dazu kann man auf den Carrick Roads unter fast allen Bedingungen segeln.

Dass die Regattaleitung die Wettfahrten abgesagt hat, findet Sharp trotzdem richtig. Sicherheit geht vor. „Für uns Austernfischer ist das der perfekte Wind“, meint dagegen Adam Spargo. „Wir liegen mit gerefftem Groß und kleiner Fock bei, haben gute Kontrolle über das Boot und genug Zug auf dem Schleppnetz. Aber den Yachties ist das zu viel. Sie wollen Regatten gewinnen, da kommen ein Reff oder eine kleine Fock natürlich nicht in Frage. Aber ich finde, wer eine Yacht segeln will, der soll sich eine Yacht kaufen.“

Arbeitsboote oder Yachten?

„Yachties“ – dieses Wort hören die restlichen Teilnehmer der Regatta gar nicht gern. Auch wenn die meisten Eigner der Falmouth Working Boats heute nicht mehr als Austernfischer arbeiten, sondern Ärzte oder Anwälte sind, sehen sie sich genauso als Bewahrer der Tradition wie die verbliebene Handvoll aktiver Austernfischer. Schließlich geben sie eine Menge Geld aus, um alte Holzboote am Leben zu erhalten, auf denen man nicht einmal im Trockenen sitzen kann.

Arthur Williams, Skipper der schneeweißen „Winnie“, bringt die Sicht der als „Yachties“ gescholtenen Segler auf den Punkt: „Wenn wir keine Regatten mit den Booten segeln würden, dann würden sie auf dem Strand verrotten.“ Das weiß auch Chris Ranger und unter vier Augen erkennt er das auch an. Aber eine Gelegenheit wie heute lässt er sich trotzdem nicht entgehen. „Ihr wollt Arbeitsboote sein?“ ruft er. „Wie viele Austern habt ihr denn letztes Jahr mit Euren Booten gefischt?“

Die letzten Holzboote

Fast erwartet man, dass sich gleich ein Knäuel aus Armen und Beinen mit vergammelten Fischen in den Fäusten über den Boden wälzt wie bei Asterix und Obelix. „He’s an unusual man“, sagt Adrian Jones, Chef der Rustler-Werft in Falmouth und Crew auf der kanariengelben „Victory“, über Chris Ranger. Wörtlich übersetzt: „Er ist ein ungewöhnlicher Mann.“ Gemeint ist: „Der Typ hat einen Sprung in der Schüssel.“ Bei der Siegerehrung am dritten Tag bekommt Ranger dennoch donnernden Applaus. 

Chris Ranger ist mit Angang 40 der jüngste unter den noch aktiven Austernfischern und erst vor wenigen Jahren dazu gestoßen. Seine „Alf Smythers“ von 1971 ist eines der letzten in Holz gebauten Falmouth Working Boats. Die späteren Arbeitsboote sind aus Kostengründen fast alle aus GFK, nur vereinzelt wurden neue Boote für die Regatten aus Holz gebaut. Ranger kaufte das Boot 2008 dem Chef der Werft ab, auf der er damals arbeitete. Mit dem Boot kam der neue Beruf.

Austernfischer mit Mission

Und den nimmt Chris Ranger sehr ernst. Zwar ist seine „Alf Smythers“ schmerzhaft langsam. Ungefähr die Hälfte der Wettfahrten an den verbleibenden beiden Tagen der Weltmeisterschaft kann der Skipper gar nicht beenden, weil es ein Zeitlimit gibt und sein Boot zum Teil noch ein ganzes Dreieck zurückliegt, wenn das erste Boot bereits durchs Ziel geht. Aber Ranger will hier nicht gewinnen, sondern zeigen, dass die Falmouth Working Boats keine Museumsschiffe sind, sondern eine lebendige Tradition.

1908 gab es 128 Boote, erzählt der Austernfischer. Gut 100 Familien in der Gegend lebten von den Schalentieren. Heute werden gerade noch 50 Lizenzen vergeben – eine pro Schleppnetz. Viele Fischer besitzen mehrere, Ranger zum Beispiel vier. Heute sind nur noch 10 bis 15 Boote im Einsatz. Die meisten Austernfischer haben Nebeneinkünfte und nicht jedes Boot ist jeden Winter im Einsatz. Insgesamt leben noch fünf Familien an den Carrick Roads von der Austernfischerei, meint Ranger.

Delikatessen für London

Für einen Typen mit Sprung in der Schüssel ist Chris Ranger einigermaßen erfolgreich. Der Name Fal Oyster ist eine geschützte Herkunftsbezeichnung wie Camembert-Käse, Bordeaux-Wein oder Parma-Schinken. Er wird nur an einheimische Austern vergeben, die mit traditionellen Methoden gefischt werden sind. Bei den Austern aus dem Fal River handelt es sich um Europäische Austern. Diese Art ist kleiner ist als andere und spielt daher auf dem Weltmarkt kaum eine Rolle, aber von Gourmets wird sie bevorzugt.

Ranger beliefert erstklassige lokale Restaurants wie das Idle Rocks und das Tresanton in St Mawes, aber auch ausgezeichnete Köche in London wie Mark Hix. Im Sommer handelt er mit Austern aus zertifizierter Aquakultur, um die Verbindung zu seinen Kunden zu halten. Eine Auster aus Aquakultur bringt rund 80 Pence. Für eine Fal Oyster dagegen kann er zwischen 1 und 1,20 Pfund nehmen. Die Fischer erhalten 40 bis 50 Pence. Im Restaurant kann eine Fal Oyster bis zu 4 Pfund kosten. 

Zwischen Fanggeschirr und Segel

„Der Job ist nicht schlecht“, meint Adam Spargo, der nicht nur mit Chris Ranger segelt, sondern auch für ihn arbeitet: „Klar geht es rauf und runter. Aber es gibt Jahre, in denen man eine Menge Geld verdient. Die Preise sind relativ stabil.“ Es kommt nur darauf an, ob die Austern zum Verkauf zugelassen werden. Dazu wird die Konzentration des E.coli-Bakteriums gemessen. Neue Bewertungsverfahren der EU machen den Austernfischern das Leben schwer. Im Frühjahr waren die Austernbänke für zwei Monate gesperrt. 

Deshalb hat das Gekabbel zwischen Austernfischern und Freizeitseglern eine reale Wurzel. Obwohl die Klassenvereinigung versucht, Materialschlachten zu begrenzen, überlegen sich die aktiven Austernfischer zweimal, ob sie überhaupt Geld auszugeben haben. Und wenn ja, müssen sie im Gegensatz zu den Freizeitseglern ebenso in ihr Fanggeschirr investieren wie in Boot und Segel. Auf „Alf Smythers“ gibt es weder Winschen noch Hebelklemmen. Nur dicke Oberarme und Belegnägel.

Hauptsache Boote retten

Doch auch die Freizeitsegler müssen mit ihrem Geld haushalten. Die „Evelyn“ beispielsweise wird von einem Syndikat betrieben, das sich die Kosten teilt. Nigel Sharp und zwei Freunde gaben 32 Anteile an dem Schiff aus. 40 Personen teilen sich diese mit Hilfe von halben Anteilen. Die Anteilseigner sind über das ganze Land verteilt. Für die Regatten kann sich jeder von ihnen melden. Gibt es – was selten ist – zu viele Meldungen, wird berücksichtigt, wer in der Saison bereits wie oft gesegelt ist und sichergestellt, dass genügend Leute an Bord sind, die regelmäßig segeln.

Christ Ranger gehört neben „Alf Smythers“ auch die „Shadow“, das älteste lizensierte Fischerboot in England. Es braucht allerdings finanzielle Zuwendung. Die Zukunft von „Shadow“ könnte so aussehen: ein Drittel gehört einem Syndikat, das im Sommer segelt, ein Drittel gehört Rangers Unternehmen, das im Winter Austern fischt, und das letzte Drittel Ranger als Privatperson. Wenn es um den Erhalt eines Falmouth Working Boats geht, ziehen Austernfischer und „Yachties“ vielleicht doch an einem Strang.

Erschienen in segeln 10/2014.

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